Podcast-Folge mit Angélique Thranberend: Wie Führung aus dem Hyperfunktionieren herauskommt

Gesund leistungsfähig: Wie Führung aus dem Hyperfunktionieren herauskommt

Was, wenn deine stärkste Führungskraft gerade dabei ist, sich selbst zu verlieren? Angélique Thranberend zeigt, warum Hyperfunktionieren oft wie Erfolg aussieht und woran Führung erkennen kann, wann Belastbarkeit zur Gefahr wird.

TL;DR. Hyperfunktionieren beginnt selten mit einem Zusammenbruch. Es beginnt damit, dass jemand länger durchhält, als ihm guttut, in einem System, das genau das belohnt. Der Unterschied zu echter Belastbarkeit zeigt sich erst, wenn sich die Persönlichkeit verändert oder eigene Grenzen überschritten werden. Wer das nur individuell behandelt, übersieht das System, und wer nur das System verantwortlich macht, die Person. Genau hier entscheidet sich, wie ernst HR diesen Doppelauftrag wirklich nimmt.

Eine Führungskraft lässt sich wegen einer Gehirnerschütterung krankschreiben. Zwei Tage später sitzt sie wieder am Laptop und beantwortet E-Mails im Liegen, mit halb geschlossenen Augen.

Niemand hat das verlangt. Sie hat es sich selbst verlangt.

Genau an diesem Punkt beginnen viele Karrieren zu kippen, ohne dass es jemand bemerkt. Von außen sieht es aus wie Disziplin. Es scheint genau die Haltung zu sein, für die man befördert wird. Kollegen nennen es Verlässlichkeit, Vorgesetzte nennen es Engagement. Doch von innen fühlt es sich anders an. Es ist kein Ehrgeiz mehr, der antreibt, sondern die Angst, auch nur für einen Moment nicht zu funktionieren.

Das Tückische daran? Es funktioniert eine ganze Weile. Die Leistung bleibt hoch, die Rückmeldungen bleiben positiv und niemand im Umfeld hat einen Grund, genauer hinzusehen.

Zwischen dieser Art von Durchhalten und echter Belastbarkeit liegt eine Grenze, die sich erst zeigt, wenn es fast zu spät ist.

Warum Performance-Systeme genau das nicht erfassen

In den meisten Organisationen fällt niemandem auf, wer gerade dabei ist, sich selbst zu verlieren. Es sind selten die auffälligen Fälle, die im Blick von Führungskraft oder HR erscheinen, sondern oft genau die Mitarbeitenden, die im nächsten Review-Zyklus am besten abschneiden.

Angélique Thranberend kennt beide Seiten dieses Problems aus erster Hand. Als HR- und Interim-Managerin hat sie Organisationen geführt und als Heilpraktikerin für Psychotherapie Menschen dabei begleitet, sich selbst wiederzufinden. Diese Kombination ermöglicht es ihr, den Mechanismus wie folgt zu beschreiben:

„Man tickt dann nur noch in seiner Rolle und gar nicht mehr so als komplette Person mit all den Facetten, die man mitbringt." Was in Zielvereinbarungen wie Anpassungsfähigkeit oder Belastbarkeit aussieht, ist aus ihrer Sicht oft der erste Schritt in eine Entwicklung, die sich erst viel später zeigt.

Sie kennt dieses Muster auch aus eigener Erfahrung. Aus der Zeit, bevor sie selbst in die HR-Führung ging. Mit Anfang zwanzig hatte sie klare Pläne: Sie wollte viel Geld verdienen, sich Respekt erarbeiten und einen gewissen Status erreichen. Nach Jahren harter Arbeit hatte sie all das erreicht. Das Gehalt, der Dienstwagen, die Privilegien. Und trotzdem fühlte es sich vollkommen anders an, als sie es sich vorgestellt hatte. Was blieb, war eine Leere, für die es in keiner Zielvereinbarung eine Kategorie gab.

Angélique ist der Meinung, dass der Grund dafür nicht in fehlender Willenskraft liegt, sondern in einem sehr menschlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Um in ein System hineinzupassen, in dem man etwas werden oder erreichen will, passt man sich an – Stück für Stück und meist ohne es bewusst zu bemerken. Genau diese Anpassung schwächt jedoch den Kontakt zum eigenen Kern.

Diese Verschiebung findet deshalb selten in einem einzelnen Moment statt. Sie verläuft über Jahre hinweg in Schritten, die sich zu keinem Zeitpunkt wie ein Problem anfühlen. Rolle, Erwartungen und Erfolgskriterien schieben sich langsam vor die eigene Wahrnehmung, bis die berufliche Funktion die Identität überlagert. Die Person ist noch da, nur nicht mehr an erster Stelle.

Für die Personalabteilung ist das die eigentliche Schwierigkeit. In keinem Performance-Review wird gefragt, ob jemand noch Kontakt zu sich selbst hat. Es fragt nach Zielerreichung, und die bleibt in dieser Phase meistens hoch, mitunter sogar am höchsten. Engagement-Scores, Fluktuationszahlen und Krankheitstage schlagen erst aus, wenn sich das Muster längst in echten Kosten niedergeschlagen hat.

Das eigentliche Signal liegt also nicht in der Leistung. Es liegt in etwas, das keine klassische Kennzahl erfasst. Was das im Detail bedeutet, und warum die naheliegendste Reaktion darauf oft die falsche ist, zeigt sich im nächsten Schritt.

Warum Führungskräfteentwicklung das Problem oft verstärkt

Wenn eine Führungskraft merkt, dass etwas nicht stimmt, ist die erste Reaktion fast immer dieselbe: mehr investieren. Ein Zeitmanagement-Seminar, ein zusätzliches Coaching, noch ein Zertifikat. Genau in diesem Reflex liegt aus Angéliques Sicht ein verbreitetes Missverständnis.

„Struktur wird dann zur Sackgasse, wenn man versucht, mit Managementmethoden, die man gelernt hat, eigene persönliche Herausforderungen zu lösen", sagt sie. Wer merkt, dass innerlich etwas fehlt, und darauf mit noch mehr Organisation reagiert, verschiebt das Problem, statt es zu bearbeiten.

Wie das konkret aussieht, beschreibt Angélique unmissverständlich. Wer merkt, dass etwas nicht stimmt, beginnt oft hektisch, an sich selbst herumzuoptimieren. Man nimmt mehr Vitamine, zwingt sich morgens zum Sport, obwohl eine Stunde mehr Schlaf guttun würde und sammelt noch ein weiteres Zertifikat. Doch nach einer Weile zeigt sich immer dieselbe Erkenntnis. Nichts davon verändert etwas. Die Leere bleibt.

„Wir optimieren so lange an uns rum, bis wir reibungslos funktionieren. Aber innerlich entfernen wir uns eben immer weiter von uns." Nach außen hin wirkt das wie Fortschritt: mehr Disziplin, mehr Kontrolle, bessere Ergebnisse. In Wirklichkeit ist es das Gegenteil: eine Fassade, die mit jedem weiteren Training stabiler wird.

Für HR wird es gefährlich, wenn die Führungskräfteentwicklung genau an dieser Stelle ansetzt. Zeitmanagement-Trainings, Resilienz-Workshops und Coachings zur Selbstoptimierung liefern noch mehr von dem, was dieses Muster antreibt. Mehr Fähigkeiten, mehr Kontrolle, mehr Optimierung. Ein Programm, das Fähigkeiten vermittelt, kann ein Problem nicht lösen, das keine Skill-Lücke ist.

„Da ist überhaupt nichts Schlimmes dran. Ich sage nur, dass für die Menschen, auf die das Thema mit der inneren Leere zutrifft, das nicht die Lösung ist." Für die meisten Mitarbeitenden funktionieren klassische Entwicklungsangebote weiterhin gut. Riskant wird es erst, wenn genau dieses Werkzeug bei genau den Menschen eingesetzt wird, bei denen es die Fassade nur widerstandsfähiger macht.

Warum das Kalenderproblem selten das eigentliche Problem ist

In Beratungsgesprächen bittet man Angélique oft, einfach nur über den Kalender zu schauen, um Termine neu zu sortieren und Prioritäten zu klären. Sie stellt dann meist eine Gegenfrage zurück.

„Was gibt es denn vielleicht im Außen für Warnsignale, die dir zeigen, dass dein Kalender jetzt dein geringstes Problem ist?" Denn die Antwort liegt selten in der Terminplanung selbst, sondern in Veränderungen, die auf den ersten Blick nichts mit Arbeit zu tun haben.

Ein Warnsignal, das Angélique am häufigsten nennt, ist eine Persönlichkeitsveränderung, die andere zuerst bemerken. Aus jemandem, der eigentlich humorvoll ist, wird plötzlich jemand Sarkastisches. Wochenenden werden nicht mehr für Freunde oder Hobbys genutzt, sondern fürs Auftanken für die kommende Woche.

„Ein Warnsignal ist es, wenn man gespiegelt bekommt oder man es selber merkt, dass sich die eigene Persönlichkeit verändert hat", sagt Angélique.

Ein weiteres Signal betrifft den Umgang mit der eigenen Gesundheit. Vorsorgetermine, auf die man lange gewartet hat, werden verschoben, weil in der Firma gerade wieder etwas Wichtigeres anstand. Für sich genommen wirkt das wie eine einzelne, nachvollziehbare Entscheidung. In der Summe zeigt es jedoch genau die Verschiebung der Prioritäten, die das ganze Muster ausmacht. Die eigene Gesundheit und ein Leben neben der Arbeit rücken so lange nach hinten, bis sie gar nicht mehr auf der Liste stehen.

Diese Veränderungen fallen selten zuerst der betroffenen Person selbst auf. Kolleginnen und Kollegen bemerken den veränderten Ton oft Monate, bevor die Person selbst etwas infrage stellt, sprechen es aber meistens aus Respekt oder Unsicherheit nicht aus. Genau diese Lücke zwischen Bemerken und Ansprechen lässt das Muster so lange unangetastet.

„Dieses Hyperfunktionieren bringt einen nirgendwohin, außer weit über die eigenen Grenzen hinaus.", so Angélique. Die Konsequenz zeigt sich am Ende nicht in einem einzelnen Ereignis, sondern kumulativ, gesundheitlich, persönlich, und irgendwann auch in der Leistung selbst.

Warum die Lösung nie nur bei einer Seite liegen kann

Bis hierhin klingt die Antwort simpel. Menschen sollten besser auf sich selbst achten. Genau diese Verkürzung hält Angélique für gefährlich, weil sie das Problem nur zur Hälfte löst.

Sie fordert deshalb von Führungskräften, dass sie sich ehrlich mit ihren eigenen Antreibern auseinandersetzen: der Neigung, mehr zu geben, als gut tut, und dem Bedürfnis, sich über Leistung zu beweisen. Diese Selbstprüfung beginnt mit einfachen, oft unbequemen Fragen. Bin ich noch auf Kurs? Ist das noch die Karriere, die ich eigentlich wollte?

Angélique macht diese Forderung nicht abstrakt, sondern spricht offen über sich selbst. Auch bei ihr war, wie sie sagt, „irgendwas in meiner Persönlichkeitsstruktur nicht ganz so, wie man sich das vorstellt, wenn man gesund bleiben will", und es waren Motivatoren dahinter, die sie genau unter die Lupe nehmen musste. Diese Selbstprüfung erfordert aus ihrer Sicht jedoch auch Strukturen, die nur wenige Organisationen bieten. Die Möglichkeit, mit jemandem darüber zu reflektieren, innerhalb oder außerhalb des Unternehmens.

„Wenn Persönlichkeitsmerkmale auf auch noch dysfunktionale Systeme treffen, dann ist das Rad quasi komplett", sagt sie. Individuelle Tendenzen wie Überverantwortung oder der Wunsch, sich zu beweisen, werden erst dann gefährlich, wenn eine Organisation genau dieses Verhalten belohnt oder stillschweigend voraussetzt.

„Unternehmen dürfen Strukturen schaffen, die Mitarbeitende nicht krank machen. Die andere Seite der Medaille ist, jeder ist für sich verantwortlich."

Für HR ergibt sich daraus noch ein zweiter Hebel, der bereits vor der eigentlichen Belastung ansetzt. Es geht um die Auswahl von Führungskräften selbst. Wer wird überhaupt in eine Führungsposition berufen, und welche Persönlichkeitsfaktoren bringt diese Person schon mit, im Sinne von Resilienz und Ausgewogenheit?

Für HR zeigt sich außerdem ein strukturelles Problem im eigenen Haus, denn Gesundheitsmanagement und Employee Assistance werden meistens getrennt von Organisationsentwicklung und Kulturarbeit betrachtet. Ebenso berichten beide Bereiche selten aneinander, geschweige denn, dass sie an denselben Fällen zusammenarbeiten.

Wo wirtschaftliche Härte aufhört und Entmenschlichung beginnt

Nach allem, was bisher über Systeme, Muster und Verantwortung gesagt wurde, entsteht leicht ein Missverständnis, jede Form von unternehmerischer Härte sei automatisch Teil des Problems. Genau das weist Angélique klar zurück.

„Ein Unternehmen ist keine Kuschelecke. Es gibt harte Marktbedingungen, es gibt Restrukturierung, es gibt wirtschaftliche Zwänge", sagt sie. Entscheidungen, die schmerzhaft sind, gehören für sie zur wirtschaftlichen Realität, nicht zur Ausnahme.

„Für mich geht Härte immer einher auch mit Klarheit, mit Respekt und mit Transparenz." Eine Restrukturierung, die offen kommuniziert wird, nachvollziehbare Kriterien hat und Menschen mit Würde behandelt, bleibt für Angélique auf der legitimen Seite dieser Grenze, selbst wenn die Konsequenzen hart sind.

Dennoch steht für sie fest: „Wenn ein System Menschen wie austauschbare Rädchen in einer Maschine funktionieren lässt, sie emotional ausbeutet, dann hat das für mich auch nichts mehr mit wirtschaftlicher Notwendigkeit zu tun." Für HR bedeutet das, dass sich die entscheidende Frage bei jeder harten Entscheidung nicht auf das Ob richtet, sondern auf das Wie. Wird transparent kommuniziert? Gibt es nachvollziehbare Kriterien? Bleibt die Würde der Betroffenen erhalten?

Diese Unterscheidung schützt zugleich vor der Gegenrichtung. Wer wirtschaftliche Härte per se ablehnt, verwechselt sie mit Entmenschlichung und macht sich in Verhandlungen um Ressourcen und Kurskorrekturen unglaubwürdig. Auch Angélique selbst grenzt sich bewusst von dieser Lesart ab. Sie spricht ausdrücklich nicht für eine Sozialromantik, die glaubt, harte wirtschaftliche Entscheidungen ließen sich einfach vermeiden. Souveränität bedeutet für sie deshalb nicht, Härte zu vermeiden, sondern die eigene Menschlichkeit und die eigenen Grenzen auch in harten Systemen radikal zu schützen. Für sich selbst und für die Menschen, für die man Verantwortung trägt.

Warum HR oft nur mit dem Zahnstocher kommt

Wenn eine Vorgabe aus der US-Zentrale kommt, beispielsweise vier Tage Büropflicht ab einem festen Datum, dann ist die Entscheidung in der Regel schon gefallen, bevor sie die lokale Organisation überhaupt erreicht. Genau das hat Angélique selbst erlebt.

Sie hatte eine ausgehandelte Betriebsvereinbarung zu einem flexiblen Arbeitsmodell, die mit dem Betriebsrat abgestimmt und von den Mitarbeitenden getragen wurde. Dann kam die Anweisung aus den USA: „Vielen Dank für euren Input, aber vier Tage die Woche Büro ab dem 1.11., und dann ging es los." Argumente zu Büroflächen, zur bestehenden Vereinbarung, zur Akzeptanz bei den Mitarbeitenden änderten daran nichts mehr. Am Ende musste die eigene Betriebsvereinbarung gekündigt werden.

Die zentrale Frage, die man sich stellen sollte, so Angélique, lautet: „Sitzt man überhaupt mit am Tisch derjenigen, die so einen Prozess gestalten?" In vielen Unternehmen ist HR genau dort nicht vertreten, wenn Entscheidungen wie diese getroffen werden, sondern erst danach, wenn es darum geht, die Konsequenzen zu verwalten.

„Wenn ich als HR nur einmal im Jahr einen Gesundheitstag organisiere, dann brauche ich über die großen Themen gar nicht zu sprechen.", sagt sie. Einzelmaßnahmen wirken wie Handeln, verändern aber nichts an der strukturellen Position von HR.

Was stattdessen zählt, ist der Einfluss auf die Stellschrauben, die eine Organisation tatsächlich resilient machen: Unternehmenskultur, Kommunikation und eine Fehlerkultur, die es ermöglicht, Probleme frühzeitig anzusprechen. Ein solcher Plan wirkt jedoch nur, wenn er nicht allein von HR getragen wird, sondern mit den anderen Funktionsbereichen abgestimmt ist. Dann braucht es im Ernstfall nicht einmal mehr einen Platz am Entscheidertisch, weil die Organisation bereits so aufgestellt ist, dass sie von der nächsten Vorgabe von außen nicht mehr unvorbereitet getroffen wird.

Der Weg zurück zur Handlungsfähigkeit

Wer merkt, dass er sich in diesem Muster befindet, neigt oft zu einer von zwei Reaktionen: Entweder alles hinwerfen oder einfach weitermachen. Angélique nennt die erste dieser Reaktionen Fluchtfantasien, den Impuls, so schnell wie möglich weg zu wollen. Beides hält sie für verfrüht.

„Wir treffen schon gar nicht so gravierende, zukunftsweisende Entscheidungen aus diesem Erregungszustand heraus", sagt sie. Der erste Schritt ist deshalb nicht Handeln, sondern innehalten, ohne sofort eine Konsequenz daraus abzuleiten, oder wie sie es nennt, erst mal weiter die Maschine am Laufen halten, während man sich einen Überblick verschafft.

Danach folgen für Angélique einfache, aber unbequeme Fragen: Wer bin ich denn eigentlich in meinem Leben noch ohne meinen Titel? Wie geht es mir wirklich? Wann habe ich das letzte Mal von Herzen gelacht? Viele Menschen sind so weit von sich entfernt, dass sie darauf zunächst keine Antwort haben, weil sie sich so stark über ihre Rolle definieren, dass rechts und links davon wenig übrig geblieben ist.

Um aus dem reinen Kopfmodus zurück in den Körper zu kommen, beschreibt Angélique eine einfache Übung. Vor einer Verhandlung oder einem schwierigen Meeting eine Minute Zeit nehmen, an einen ungestörten Ort gehen, eine Hand auf Herz oder Bauch legen, die Augen schließen und tief durchatmen. Danach folgen Fragen, die nur mit dem Körper zu tun haben.

Wie stehe ich gerade da? Wie fest sind meine Füße auf dem Boden? Wo sitzt Anspannung? Atme ich nur bis zum Hals oder auch bis in den Bauch? Zum Abschluss die Arme locker hängen lassen, den Körper sanft ausschütteln und im besten Fall mit einem Lächeln ins nächste Meeting gehen.

„Weil man wieder bei sich ist, hat man auch wieder einen ganz anderen Impact, kann sich wieder ganz anders einbringen.", weiß Angélique aus Erfahrung. Dieser Effekt zeigt sich nicht nur in der Wirkung nach außen, sondern auch darin, dass Menschen sich selbst wieder zutrauen, in ihrer Rolle zu bleiben und trotzdem sie selbst zu sein.

____________________________________________________________________________________________________

Wer die Hintergründe des Hyperfunktionierens versteht, kann Leistungsfähigkeit nicht mehr losgelöst von den Bedingungen betrachten, unter denen sie entsteht. Der Mensch, der am zuverlässigsten funktioniert, ist nicht automatisch derjenige, dem es am besten geht. Manchmal ist er genau derjenige, bei dem am meisten auf dem Spiel steht.

Diese Erkenntnis verändert die Verteilung von Verantwortung. Sie liegt nicht allein bei der Person, die lernen soll, besser mit sich umzugehen. Auch nicht allein beim System, das Strukturen anders gestalten soll. Sie liegt in der gleichzeitigen Anerkennung zweier Seiten. In Organisationen, die Bedingungen schaffen, die nicht krank machen, und in Menschen, die ehrlich hinschauen, was sie selbst antreibt.

Für HR bedeutet das, weniger nach der nächsten Maßnahme zu fragen und mehr danach, wie ernst dieser Doppelauftrag tatsächlich genommen wird.

____________________________________________________________________________________________________

Key Takeaways: Gesund führen, ohne ins Hyperfunktionieren zu kippen

Das Gespräch mit Angélique zeigt, warum Hyperfunktionieren selten mit einem Zusammenbruch beginnt und warum die Lösung nie allein bei der einzelnen Führungskraft oder allein beim System liegen kann. Die folgenden zehn Fragen übersetzen diesen Doppelauftrag in konkrete Entscheidungen für HR und Führungsgremien, von der Diagnose bis zur strategischen Reaktion.

1) Was ist Hyperfunktionieren genau, und wie unterscheidet es sich von normaler Leistungsfähigkeit?

Hyperfunktionieren beschreibt einen Zustand, in dem Menschen nach außen weiterhin volle Leistung bringen, während sie innerlich zunehmend den Kontakt zu sich selbst verlieren. Der Unterschied zu echter Belastbarkeit zeigt sich nicht in der Leistung selbst, sondern in Persönlichkeitsveränderungen und überschrittenen persönlichen Grenzen. Wer nur auf Kennzahlen schaut, übersieht das Muster fast zwangsläufig, weil die Leistung in dieser Phase oft am höchsten ist. Für Führungsgremien bedeutet das, Belastbarkeit lässt sich nicht allein an Zielerreichung ablesen, sie muss an der Person selbst überprüft werden, nicht nur an ihrem Output.

2) Wie entsteht Hyperfunktionieren, wenn persönliche Antreiber auf ein forderndes System treffen?

Hyperfunktionieren entsteht, wenn individuelle Persönlichkeitsmuster, etwa die Neigung, sich über Leistung zu beweisen, auf ein System treffen, das genau dieses Verhalten belohnt oder stillschweigend voraussetzt. Keine der beiden Seiten allein erklärt das Muster vollständig. Die Entscheidungsregel lautet, wenn persönliche Antreiber auf ein forderndes System treffen, verstärken sich beide gegenseitig, und Maßnahmen, die nur eine Seite adressieren, wirken nicht. Organisationen, die nur individuelle Resilienzprogramme anbieten, ohne die strukturellen Bedingungen zu prüfen, bearbeiten nur die Hälfte des Problems.

3) Welche Warnsignale zeigen Hyperfunktionieren an, bevor es sich in Leistung oder Kennzahlen niederschlägt?

Die zuverlässigsten Frühindikatoren sind nicht in Kalendern oder Auslastung zu finden, sondern in Verhalten, das auf den ersten Blick nichts mit Arbeit zu tun hat. Es geht um spürbare Persönlichkeitsveränderungen, zunehmenden Sarkasmus, verschobene Vorsorgetermine, Wochenenden, die nur noch dem Auftanken für die nächste Woche dienen. Diese Signale erscheinen in keinem Performance-Review und in keinem Engagement-Survey. Die praktische Konsequenz? Führungskräfte und HR brauchen informelle Kanäle, über die solche Beobachtungen den Weg zu einer offenen, nicht wertenden Ansprache finden, sonst bleibt das Muster über Jahre unangetastet.

4) Welche Rollen oder Funktionen sind am stärksten gefährdet, in dieses Muster zu geraten?

Am stärksten betroffen sind nicht die auffälligen, sondern die verlässlichsten Leistungsträger. Oft sind es gerade Rollen mit hoher Sichtbarkeit, Verantwortung und Selbstständigkeit, die im nächsten Review-Zyklus am besten abschneiden. Besonders Führungskräfte im mittleren und oberen Management sind gefährdet, weil Anpassung an die Rolle dort am stärksten belohnt wird. Für HR heißt das: Hochleistungsprofile verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit wie augenscheinliche "Problemfälle". Das Risiko sitzt oft dort, wo es am wenigsten vermutet wird.

5) Was passiert, wenn Organisationen Hyperfunktionieren ignorieren oder nur mit Einzelmaßnahmen reagieren?

Wird das Muster ignoriert oder nur mit punktuellen Maßnahmen wie einem jährlichen Gesundheitstag beantwortet, verschiebt sich das Problem lediglich nach hinten, bis es sich in echten Kosten zeigt. In Krankheitstagen, Fluktuation der eigenen Leistungsträger oder gesundheitlichen Notfällen, die eine externe Instanz zum Eingreifen zwingen. Der Trade-off ist eindeutig, denn wer nur symptomatisch reagiert, zahlt später einen höheren Preis, meist genau bei den Menschen, die am schwersten zu ersetzen sind.

6) Was sollten Geschäftsführung und Aufsichtsgremien von HR im Umgang mit diesem Thema erwarten?

Geschäftsführung und Aufsichtsgremien sollten von HR erwarten, dass Resilienz nicht als Einzelmaßnahme, sondern als Zusammenspiel aus individueller Verantwortung und struktureller Gestaltung behandelt wird. HR muss frühzeitig in Entscheidungen eingebunden werden und die Arbeitsbedingungen grundlegend anpassen dürfen. Wird HR erst nachträglich einbezogen, bleibt nur die Rolle, Konsequenzen zu verwalten statt Prozesse mitzugestalten.

7) Wie muss sich die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsmanagement und Organisationsentwicklung verändern?

Gesundheitsmanagement und Organisationsentwicklung dürfen nicht länger getrennt operieren. In vielen Unternehmen berichten beide Bereiche unterschiedlich, ohne gemeinsame Fälle zu bearbeiten, wodurch genau die Verschränkung aus individuellem Muster und strukturellem Problem unsichtbar bleibt. Die Konsequenz für das Betriebsmodell? Beide Funktionen müssen an denselben Fällen und Frühindikatoren zusammenarbeiten, sonst bearbeitet jede Seite nur die Hälfte des Problems, ohne es zu merken.

8) Welche strategischen Stellhebel hat eine Organisation, um Hyperfunktionieren strukturell einzudämmen?

Strategisch wirksamer als punktuelle Angebote sind diese drei Stellschrauben: Unternehmenskultur, interne Kommunikation und eine Fehlerkultur, die frühzeitiges Ansprechen erlaubt, statt Probleme zu verschweigen. Diese Hebel wirken aber nur, wenn sie mit anderen Funktionsbereichen wie Produktion, Marketing oder Finance abgestimmt sind, kurz-, mittel- und langfristig gedacht. Ein Unternehmen, das diese Stellschrauben ernst nimmt, trifft die nächste externe Vorgabe oder Krise nicht unvorbereitet.

9) Welche Entscheidung muss eine Führungskraft treffen, wenn wirtschaftliche Härte in Entmenschlichung zu kippen droht?

Wenn eine wirtschaftlich harte Entscheidung droht, in Entmenschlichung zu kippen, lautet die Entscheidungsregel, die Frage nicht auf das Ob zu richten, sondern auf das Wie. Wird transparent kommuniziert? Gibt es nachvollziehbare Kriterien? Bleibt die Würde der Betroffenen und der Bleibenden gewahrt? Ist eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, verschiebt sich die Entscheidung von legitimer Härte in Richtung Entmenschlichung, unabhängig davon, wie zwingend die wirtschaftliche Logik dahinter ist.

10) An welchen Signalen lässt sich Hyperfunktionieren im Unternehmen ablesen, wenn klassische KPIs versagen?

Klassische KPIs wie Zielerreichung, Engagement-Scores oder Krankheitstage schlagen bei Hyperfunktionieren oft erst dann aus, wenn sich das Muster bereits in echten Kosten niedergeschlagen hat. Belastbarer sind qualitative Signale, wie etwa spürbare Persönlichkeitsveränderungen, die systematisch über eher informelle Kanäle erfasst werden müssten.

Die eigentliche Frage ist nicht mehr, ob Hyperfunktionieren real ist, das Gespräch belegt es an konkreten Beispielen. Die eigentliche Frage ist, ob Organisationen bereit sind, individuelle und strukturelle Verantwortung gleichzeitig zu tragen, statt sie gegeneinander auszuspielen. Wer das versäumt, verliert genau die Leistungsträger, auf die man sich am meisten verlassen hat.

____________________________________________________________________________________________________

Wenn du das vollständige Gespräch hinter dieser Analyse hören möchtest, findest du die Episode im Podcast-Bereich: https://www.level-up-hr.com/podcast

Wenn du über neue Deep Dives und Community-Updates informiert bleiben möchtest, kannst du den Newsletter hier abonnieren: https://www.level-up-hr.com/newsletter

Für weitere Perspektiven darauf, wie Führungskräfte Herausforderungen wie diese angehen, folge der Level Up HR Community auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/company/level-up-hr-community/