
Eine Kündigungswelle betrifft nie nur die Gehenden. Wer die Bleibenden übersieht, riskiert eine zweite, teurere Abwanderungswelle.
Auf einem HR-Summit in Deutschland steht Matthias Mittelsten Scheid, Spezialist für "Respectful Restructuring ®" und ehemaliger Personalleiter in mehreren schnell wachsenden Technologieunternehmen, im Gespräch mit einem CEO. Der Gesprächspartner beschreibt eine kürzlich abgeschlossene Restrukturierung. Er nennt eine Zahl: 45 von 400 Mitarbeitenden seien betroffen gewesen. Matthias widerspricht. Die Zahl stimme so nicht. Es seien alle 400 betroffen gewesen.
Was wie eine semantische Korrektur wirkt, ist der Kern eines grundlegenden Führungsfehlers, den Matthias in seinen Beratungsmandaten immer wieder beobachtet. Unternehmen messen Restrukturierungen in Headcount-Quoten und Kostenreduktion - nicht in ihrer Wirkung auf Wandlungs-, Handlungs- und Zukunftsfähigkeit. Der eigentliche Erfolg des Veränderungsprozesses wird jedoch erst ab dem Moment messbar, in dem all das formell abgeschlossen ist.
Matthias hat über ein Jahrzehnt in HR-Führungsrollen in Unternehmen wie Groupon und Tourlane gearbeitet, bevor er sich selbstständig machte. Der Auslöser für diesen Schritt war keine betriebliche Veränderung. Es war eine Frage der Haltung.
„Wenn du im Recruiting nur die Hälfte der vorgeschlagenen Tools bewilligt bekommst, verlierst du ein Feature. Wenn du bei einer Massenentlassung nur 50 Prozent der angestrebten Qualität im Umgang mit Menschen durchsetzen kannst, verlierst du etwas anderes. Du verlierst die Grundlage, auf der dein eigenes Wertegerüst basiert - auf der Führung überhaupt funktioniert."
Diese Unterscheidung zieht sich durch alle Überlegungen, die Matthias zu Restrukturierungen anstellt.
Die betriebswirtschaftliche Logik von Massenentlassungen ist präzise und in sich schlüssig. Eine bestimmte Anzahl von Stellen kostet Geld, das Unternehmen braucht dieses Geld für anderes oder benötigt die Stellen nicht mehr. Also werden diese Stellen reduziert. Aus dieser Logik entsteht eine klare Kennzahl: ein Einsparpotential, das die Dimension der Entscheidung beschreiben soll.
Matthias hält diese Kennzahl als Messgröße für das Ausmaß der Maßnahme für irreführend. Nicht weil sie falsch berechnet ist, sondern weil sie das falsche Phänomen misst.
„Wenn ein Unternehmen sagt: '45 von 400 Mitarbeitenden waren betroffen', dann stimmt das so nicht. In Wahrheit waren alle betroffen."
Die 355 Mitarbeitenden, die geblieben sind, haben beobachtet, wie Entscheidungen getroffen wurden, wie Führungskräfte kommuniziert haben und wie mit den Kolleginnen und Kollegen umgegangen wurde, die das Unternehmen verlassen mussten. Ebenso bewerten Führungskräfte, als ebenso zentrale Stakeholder einer Entlassungswelle, die Unterstützung, die sie während der Maßnahme und danach erhalten haben. Aus dieser Beobachtung haben sie Schlüsse gezogen, die in keiner HR-Kennzahl auftauchen. Ob die Organisation vertrauenswürdig ist. Ob Zusagen halten. Ob die eigene Karriereplanung weiter auf diesem Unternehmen aufgebaut werden kann.
Diese Schlüsse werden nicht laut gezogen. Sie entstehen in Gesprächen auf den Fluren, in der Art, wie ehemalige Kollegen über ihren letzten Arbeitgeber sprechen, und in den individuellen Entscheidungen, die Leistungsträger in den Monaten nach einer Restrukturierung treffen. Genau das ist die Dynamik, die Matthias beschreibt, wenn er von einer zweiten Welle der Abwanderung spricht, die typischerweise drei bis sechs Monate nach einer Restrukturierung sichtbar wird und oft teurer ist als der ursprüngliche Sparkurs.
Die operative Aufmerksamkeit in Restrukturierungsprozessen konzentriert sich fast ausschließlich auf eine Gruppe: die Mitarbeitenden, die gehen müssen. Das ist verständlich. Ihre Situation ist sichtbar, emotional unmittelbar und organisatorisch dringend. Es müssen Anwälte einbezogen, Gespräche geführt und Fristen eingehalten werden.
Matthias arbeitet bewusst mit einer anderen Struktur. Er beschreibt drei Gruppen, die in jedem Restrukturierungsprozess gleichzeitig existieren und gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.
„Wir haben drei Gruppen: die, die gehen müssen, die, die bleiben, und das Unternehmen selbst."
Die erste Gruppe, die Gehenden, befindet sich in einer Situation, die selten nur berufliche Konsequenzen hat. Matthias bringt ein Beispiel, das er in Beratungsgesprächen nutzt, um die konkrete Dimension dieser Entscheidung sichtbar zu machen: Wenn jemand gerade dabei ist, zusammen mit dem Partner ein Haus zu kaufen, und in zwei Wochen einen Banktermin für den Kredit hat, verändert eine Kündigung am nächsten Morgen mehr als die Stelle. Sie zerstört eine Lebensplanung. Emotionale Reaktionen, einschließlich der Versuche, durch nachträgliche Betriebsratsgründungen noch Kündigungsschutz zu erlangen, sind aus dieser Perspektive keine irrationalen Eskalationen, sondern vorhersehbare menschliche Schutzreflexe.
Das Verstehen dieser Reaktionen ist für Matthias keine weiche Führungskompetenz. Es ist die Grundvoraussetzung, um Restrukturierungen überhaupt verantwortungsvoll zu planen. Wer nicht antizipiert, wie Menschen reagieren, wenn ihre Lebensplanung in Stücke fällt, wird von den Konsequenzen regelmäßig überrascht.
Die zweite Gruppe, die Bleibenden, wird in vielen Organisationen unterschätzt, obwohl sie die Zukunft des Unternehmens trägt. Sie beobachten den Prozess, und was sie beobachten, prägt ihre Einschätzung der Führung und ihre eigene Entscheidung über Loyalität. Wer mit dem Effizienzgedanken durch eine Restrukturierung geht und die Konditionen für die Gehenden auf ein Minimum reduziert, sendet ein klares Signal an diese Gruppe: Was du hier siehst, könnte genauso auch dir passieren.
„So wie wir die Menschen behandeln, die wir gehen lassen müssen, so werden sie über uns sprechen zu denen, die bleiben."
Die dritte Gruppe ist das Unternehmen selbst: die Entscheider, die eine Kurskorrektur verantworten müssen, die oft das Ergebnis früherer Fehler ist. Zu schnelles Wachstum, zu optimistische Planungsannahmen, Marktveränderungen, die niemand präzise vorhergesagt hatte. Matthias betont, dass diese Perspektive Respekt verdient, nicht im Sinne von Entschuldigung für schlechte Entscheidungen, sondern weil das Business, das diese Arbeitsplätze geschaffen hat, eine eigene Berechtigung und eine eigene Logik hat, die HR vertreten muss, anstatt sich ideologisch davon zu distanzieren.
„Das Business war zuerst. Das Business hat Arbeitsplätze geschaffen. Und dadurch haben wir einen Bestand, auf dem wir aufbauen können. Der Respekt sollte auch gegenüber dieser Tatsache stattfinden; nicht nur der Frust über den akuten Verlauf."
Diese dritte Perspektive ist die unangenehmste, weil sie HR und alle Führungskräfte zwingt, eine unpopuläre Entscheidung aktiv zu vertreten statt nur zu verwalten. Matthias sieht genau darin eine der zentralen Kompetenzen, die den Unterschied macht zwischen HR-Arbeit, die Vertrauen aufbaut sowie Unternehmensinteressen vertritt, und HR-Arbeit, die sich in Neutralität flüchtet.
Die Logik ist auf den ersten Blick bestechend. Wenn ohnehin Stellen abgebaut werden müssen, sollten auch die Abfindungen und Leistungen so knapp wie möglich gehalten werden. Der CFO spart, das Budget stimmt, der Prozess gilt als effizient.
Matthias hält diese Rechnung für strukturell falsch.
„Wenn du versuchst, den Faktor in einem Abwicklungsvertrag möglichst tief zu setzen, machst du dich kurzfristig zum besten Freund des CFOs. Aber was passiert dann?"
Was dann passiert, hat er in mehreren Mandaten direkt beobachtet. Die Bleibenden registrieren genau, wie mit den Gehenden umgegangen wird. Nicht aus Neugier, sondern weil sie daraus ableiten, was das über ihre eigene Zukunft im Unternehmen sagt. Wenn die Konditionen für Ausscheidende auf ein Minimum gedrückt werden, weil Kosteneffizienz die primäre Maxime ist, interpretieren viele in der verbleibenden Belegschaft das als Vorlage für sich selbst.
Hierbei muss hinzugefügt werden, dass die „Höhe der Abfindung” nicht gleichzusetzen ist mit dem Respekt, den ein Unternehmen in einer solchen Krise zeigt. Auch eine Maßnahme mit einem Abfindungsfaktor 0.0 kann als respektvoll betrachtet werden, wenn das zugehörige Narrativ schlüssig ist.
Das Ergebnis ist eine zweite Abwanderungswelle, die sich typischerweise drei bis sechs Monate nach der eigentlichen Restrukturierung zeigt. Nicht die Gekündigten verlassen das Unternehmen, sondern die Leistungsträger, die verblieben. Diese zu ersetzen ist teurer als alles, was beim Abfindungsprozess gespart wurde.
„Die Attrition-Welle, die danach kommt, wird uns um ein Vielfaches teurer kommen als das, was wir kurzfristig gedacht gespart haben."
CFOs sollten Restrukturierungskosten deshalb nicht isoliert kalkulieren. Der vollständige Kostenrahmen schließt Fluktuationskosten, Recruiting-Aufwand und Produktivitätsverlust in den Folgemonaten mit ein. Wer nur auf Tag X optimiert, hat zwei Drittel der Gleichung nicht gerechnet.
In Organisationsdebatten gilt Authentizität als Qualitätsmerkmal für Führungskommunikation. Matthias lässt das Konzept stehen, hält es aber für unvollständig.
„Authentizität ist nur die Hälfte des Weges. Wir müssen in der Sprache unseres Gegenübers sprechen."
Das Bild, das er dafür verwendet, hat er früh in seiner Karriere entwickelt: Wer am Hauptbahnhof in Tokio aussteigt und ausschließlich auf Deutsch spricht, verhält sich authentisch. Er wird trotzdem nicht verstanden. Authentizität in der eigenen Muttersprache ist keine kommunikative Leistung, wenn das Gegenüber eine andere Sprache spricht.
Matthias zieht eine direkte Linie von dieser Beobachtung zu seinen Anfängen als Headhunter vor der HR-Karriere. Die Fähigkeit, Angebote in der Sprache des Gegenübers zu formulieren, Einwände vorwegzunehmen, einen Win-Win sichtbar zu machen, das ist für ihn keine Verkaufstechnik, sondern ein Kommunikationsprinzip, das in der HR-Arbeit systematisch unterschätzt wird.
„Wenn ich Themen präsentiere, dann verkaufe ich diese Themen. Ich pitche meine Themen, anstatt sie einfach nur mit Leidenschaft vorzutragen. Das ist es, was vielen HRlern fehlt."
In Restrukturierungen multipliziert sich das Problem. Ein All-Hands-Meeting, in dem ein CEO erklärt, warum 45 von 400 Stellen gestrichen werden müssen, trifft auf vier sehr verschiedene Zuhörergruppen gleichzeitig. Matthias arbeitet in seiner Beratungsarbeit mit dem 4-Farb-Modell (INSGHT MDI) als praktischer Heuristik, nicht als psychologisches Analyseinstrument, sondern als Übersetzungshilfe.
Eine dominant-rote Persönlichkeit braucht ein zielstrebiges Argument, das erklärt, warum dieser Weg der einzige realistische ist. Ein gelb geprägter Persönlichkeitstyp reagiert auf emotionale Resonanz, auf das Gefühl, dass jemand wirklich hinter der Sache steht. Grüne Persönlichkeitstypen wollen hören, dass für die Betroffenen gesorgt wird. Blaue wollen Zahlen, Daten und Fakten.
„Das ist keine psychologische Manipulation. Das ist die Übersetzungsarbeit, die Führungskommunikation systematisch verpasst, wenn sie von der eigenen Perspektive aus formuliert wird."
Eine gut gemeinte, ehrliche Erklärung, die nur die Sachlogik der Entscheidung abbildet, erreicht drei der vier Gruppen nicht. Wer im All-Hands-Meeting spricht, spricht nicht zu sich selbst. Das klingt offensichtlich, wird aber in der Praxis selten konsequent umgesetzt, weil die Vorbereitung auf Restrukturierungskommunikation fast immer auf die Inhalte fokussiert, nicht auf die Zuhörer.
Vertrauen in Organisationen wird in stabilen Phasen oft als Folgeerscheinung von Leistung definiert. Wer liefert, bekommt Vertrauen. Wer nicht liefert, verliert es. Diese Definition funktioniert, solange das Umfeld stabil bleibt.
In Krisenzeiten trägt sie nicht weit.
Matthias beschreibt das Problem präzise: In Wachstumsphasen wird Vertrauen oft nicht wirklich aufgebaut, sondern mit positiver Stimmung nach guter Performance verwechselt. Die Unterscheidung bleibt unsichtbar, solange alles gut läuft. Wenn alle Konstanten zu Variablen werden, also in Krisenzeiten, in Restrukturierungen, in Momenten echter Unsicherheit, bricht dieses Konstrukt schnell zusammen.
„Wir stecken in einer Krise. Wir hinterfragen Konzepte, Budgets, Headcount-Pläne. Alle Konstanten, die wir bisher haben, werden zu Variablen. Was passiert dann mit unserer Vertrauensbeziehung? Bleibt sie das psychologische Element zwischen zwei Menschen? Oder wird sie zu dem, was sie in vielen Wachstumsphasen wirklich war: nur eine Folgeerscheinung von positiver Performance?"
Die Frage ist nicht rhetorisch. Sie beschreibt eine strukturelle Schwäche, die in wirtschaftlich stabilen Phasen verborgen bleibt und in Restrukturierungen sichtbar wird.
Was in diesen Momenten trägt, ist eine andere Art von Führung. Eine, die nicht auf Effizienz als primärem Kriterium aufbaut, sondern auf der Fähigkeit, gleichzeitig wirtschaftlich notwendige Entscheidungen zu vertreten und die menschliche Konsequenz dieser Entscheidungen nicht aus dem Blick zu verlieren.
Matthias zieht auch hier eine Verbindung zu seiner eigenen Geschichte: Er hat in mehreren schnell wachsenden Start-ups gearbeitet, in denen Gründer mit enormer Energie Unternehmen aufgebaut haben, in denen Leistung und Vertrauen fast synonym gesetzt wurden. Er spricht mit echter Wertschätzung über diese Erfahrungen und über die Menschen, die er dort begleiten durfte. Gleichzeitig ist genau in diesen Umgebungen der Widerspruch entstanden, der ihn schließlich dazu gebracht hat, auf eigene Rechnung zu arbeiten: die Einsicht, dass man in einer Linie nie vollständig für die eigene Haltung eintreten kann, da man in dieser internen HR Position nicht als wirtschaftlicher Berater verstanden wird, sondern als (zu) menschlicher Anwalt der Mitarbeitenden.
„Ich akzeptiere das eben nicht mehr so leicht. Und das war für mich ein Grund, meine Projekte mit der Haltung anzugehen, die ich für richtig erachte und die ich vollends vertreten kann."
Restrukturierungsprozesse werden intensiv auf einen Moment hin vorbereitet: den Tag der Kündigungsgespräche. Führungskräfte werden trainiert, schwierige Gespräche zu führen. Kommunikationspläne werden entwickelt. Rechtliche Abläufe werden koordiniert. Die Energie, die in diese Vorbereitung fließt, ist erheblich.
Doch Matthias beschreibt einen anderen Moment als den eigentlich kritischen. Er nennt ihn Tag X+1.
In seinen Beratungsmandaten geschieht regelmäßig dasselbe. Er trainiert Führungskräfte darauf, Kündigungsgespräche zu führen. Er bereitet sie auf emotionale Reaktionen vor, auf Einwände, auf Schweigen. In der Woche vor der Umsetzung fragt er dann, wie es aussieht mit der Präsentation für die verbleibenden Teams: Was ändert sich operativ? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie organisiert die Abteilung ihre Arbeit mit 30 Prozent weniger Headcount in einer neu definierten Prioritätenlandschaft?
Die Antwort, die er meistens bekommt: Das mache ich noch.
„Wenn meine Mitarbeitenden nach der Kündigungswelle nicht wissen, wie sie mit 30 Prozent weniger Headcount dieselbe Arbeit leisten sollen, dann verspielen wir das Momentum des Changes."
Das Zeitfenster unmittelbar nach einer Restrukturierung ist nicht beliebig groß. Mitarbeitende befinden sich in einem Zustand erhöhter Aufmerksamkeit. Sie beobachten Führung mit einer Schärfe, die im normalen Betrieb nicht existiert. Sie nehmen wahr, ob Klarheit entsteht oder ob ein Vakuum bleibt.
In diesem Vakuum, wenn es entsteht, beginnen Mitarbeitende ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, ihre eigenen Prioritäten zu setzen und ihre eigenen Überlegungen über die Zukunft anzustellen. Matthias vergleicht dieses Zeitfenster mit einem Elevator Pitch oder einer Honeymoon-Phase: Ein kurzes Fenster, in dem sich 80 Prozent der Meinung über die Führungskraft prägt. Wer es ungenutzt lässt, verliert nicht nur operatives Momentum. Er verliert die Chance, den Change aktiv zu gestalten, statt ihn nur zu verwalten.
Was er in seinen Beratungsmandaten regelmäßig beobachtet: In einem der Projekte fehlte genau diese Vorbereitung vollständig. Führungskräfte wussten, wie sie ein Kündigungsgespräch führen. Sie wussten aber nicht, wie sie am Tag danach vor ihrem Team Klarheit schaffen sollten. Bereits nach wenigen Tagen begannen erste Leistungsträger, sich am Markt umzuschauen.
Matthias beschreibt seine Entscheidung, aus der Linie auszutreten, nicht als Abkehr von HR, sondern als Konsequenz einer Erkenntnis über den Unterschied zwischen HRlern, die Themen präsentieren, und HRlern, die Themen verkaufen.
Das klingt provokativ und ist es bewusst.
Er hat als Headhunter gearbeitet, bevor er in die HR-Funktion gewechselt ist, und er betrachtet diese Erfahrung als formativ. Wer versteht, wie man ein Angebot in der Sprache eines Gegenübers formuliert, wer Einwände antizipiert, wer einen Win-Win sichtbar macht, bringt eine Kompetenz in HR-Arbeit, die im Beruf selten explizit trainiert wird.
Matthias nennt es direkter: „Recruiting ist Sales. Das hat mit Lügen nichts zu tun. Es geht um Jobs. Es geht um Projekte. Es geht um eine respektvolle Herangehensweise. Und die bedarf einer taktischen Kommunikation."
Für ihn ist das keine Frage des Charakters, sondern des Fokus. HR hängt in einer ideologischen Schleife, in der Trendthemen mehr Aufmerksamkeit bekommen als die tatsächlichen Prioritäten des Business. Auf LinkedIn werden Themen diskutiert, die vor zehn Jahren dieselben waren. In HR-Konferenzen dominieren Agenden, die Traffic produzieren, nicht Relevanz. Das Ergebnis ist eine HR-Funktion, die intern nicht als gleichberechtigter Gesprächspartner wahrgenommen wird. Dies geschieht nicht, weil die Inhalte falsch sind, sondern weil sie nicht in der Sprache des Business argumentiert werden.
Diese Kompetenz ist in Restrukturierungen besonders relevant, weil die Funktion dort an einer Schnittstelle steht, die strukturell schwierig ist. HR muss wirtschaftliche Entscheidungen vertreten, die sie oft nicht getroffen hat und manchmal für schwer vertretbar hält. HR muss gleichzeitig mit Menschen umgehen, deren Lebensplanung durch genau diese Entscheidungen berührt wird. Und HR muss eine Organisation durch einen Veränderungsprozess begleiten, dessen eigentliche Wirkung erst in den Monaten danach sichtbar wird.
Wer diese Position als administrative Funktion versteht, die Prozesse effizient abwickelt, wird alle drei Aufgaben formal erfüllen. Was er nicht leisten wird, ist das, was die verbleibende Organisation in den Wochen nach einer Restrukturierung tatsächlich braucht: die Überzeugung, dass die Entscheidungen mit Verstand und mit Respekt getroffen wurden.
Eines der wirkungsvollsten Bilder, das Matthias im Gespräch zeichnet, betrifft nicht Prozesse oder Kommunikationsstrategien. Es betrifft den inneren Zustand einer Führungskraft im Moment einer Krise.
Er erinnert sich an das Erdbeben in der Türkei und an ein Bild, das ihn nicht losgelassen hat: ein Vater, der auf einem Schutthaufen sitzt und die Hand seines verschütteten Kindes hält.
„Wenn du es nicht schaffst, in deiner Rolle zu bleiben, dann kannst du nicht passend den Leuten, für die du zuständig bist, zur Seite stehen."
Das klingt zunächst nach dem Aufruf zur Distanzierung, nach dem Professionalismusreflex, der Führungskräfte dazu bringt, Emotionen zu unterdrücken. Matthias meint das Gegenteil.
„Du musst dich distanzieren, um für den anderen vollends da zu sein."
Der Unterschied ist fein, aber relevant. Es geht nicht darum, nicht betroffen zu sein. Es geht darum, die eigene Betroffenheit in Echtzeit einzusortieren, damit Raum für Empathie gegenüber dem Gegenüber entsteht. Wer selbst emotional überwältigt ist, kann anderen keine Orientierung geben, nicht weil er es nicht will, sondern weil er nicht in der Lage ist, die Ebenen zu trennen.
„Erst wenn du es schaffst, resilient zu sein gegen den Schock in dem Moment, erst dann hast du die Fähigkeit, Empathie anzuwenden."
Das ist eine der direkten Konsequenzen aus seiner Beraterarbeit mit Führungskräften in Kündigungsgesprächen. Viele sind gut vorbereitet auf die inhaltliche Ebene. Wenige sind vorbereitet auf die eigene emotionale Reaktion, wenn das Gegenüber weint, schweigt oder wütend wird. In diesem Moment entscheidet sich, ob Empathie tatsächlich möglich ist oder ob sie in Hilflosigkeit kollabiert.
In der Analyse von Restrukturierungen gibt es eine auffällige Asymmetrie. Die Entscheidung selbst ist oft gut dokumentiert. Es gibt Projektpläne, Rechtsgutachten, Kommunikationskonzepte und Post-mortem-Analysen, die zeigen, ob der Prozess termingerecht und budgetkonform abgewickelt wurde. Was es fast nie gibt, ist eine systematische Analyse dessen, was in der Organisation sechs Monate später passiert ist.
Matthias ist überzeugt, dass der Erfolg einer Restrukturierung sich genau dort zeigt, und nicht in den Kennzahlen der Umsetzungsphase.
Er spricht von Vertrauen als einer Ressource, die in Organisationen selten bewusst aufgebaut, aber schnell verbraucht werden kann. In stabilen Phasen wird Vertrauen oft als Folgeerscheinung von Leistung definiert. In Krisenzeiten, wenn alle Konstanten zu Variablen werden, trägt diese Definition nicht.
Was trägt, ist eine andere Art von Führung. Eine, die nicht auf Effizienz als primärem Kriterium aufbaut, sondern auf der Fähigkeit, gleichzeitig wirtschaftlich notwendige Entscheidungen zu vertreten und die menschliche Konsequenz dieser Entscheidungen nicht aus dem Blick zu verlieren.
Wie eine Organisation mit den Menschen umgeht, die sie in schwierigen Momenten gehen lassen muss, sagt mehr über ihre Führungsqualität aus als jede Strategie, die zuvor den Ruf der Firma geprägt hat. Und dieser Eindruck wirkt auch in die Zukunft, lange nachdem die Gespräche geführt und die Unterlagen unterschrieben sind.
„So wie wir von denen bewertet werden, die gehen, so werden wir von denen, die bleiben, bewertet – als Mensch, als Arbeitgeber, als diejenigen, in deren Hand Karrieren vertrauensvoll übergeben werden."
Restrukturierungen sind selten das Ende einer Entwicklung. Oft sind sie der Beginn einer neuen Phase, in der sich zeigt, ob die Organisation mit weniger Ressourcen stabil weiterarbeiten kann: ob sie nun handlungs-, wandlungs- und zukunftsfähiger ist. Diese Phase wird fast nie aktiv gesteuert. Dabei entscheidet sie über den Erfolg der gesamten Restrukturierung.
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Massenentlassungen gelten in vielen Organisationen als operative HR-Aufgabe. Es geht darum, Prozesse abzuwickeln, Fristen einzuhalten und Kosten zu senken. Was dabei systematisch unterschätzt wird, ist der Veränderungsprozess, der danach beginnt. Die folgenden Fragen greifen die zentralen Führungsentscheidungen auf, die Matthias Mittelsten Scheid in seiner Beratungsarbeit immer wieder als kritisch erlebt, und die in den meisten Restrukturierungen zu spät oder gar nicht gestellt werden.
Matthias definiert Restrukturierungen explizit als Change-Prozess, nicht als reine Personalabbaumaßnahme, denn eine Personalabbaumaßnahme endet mit der Umsetzung. Ein Change-Prozess dagegen umfasst sowohl die Personalabbaumaßnahme als auch relevante Schritte davor und danach. Wenn HR und Führung die Arbeit als abgeschlossen betrachten, sobald die Gespräche geführt sind, übersehen sie den Moment, in dem die eigentliche organisatorische Wirkung erst einsetzt. CHROs sollten ihre Ressourcenplanung entsprechend ausweiten und den Fokus stärker auf die psychologische Wirkung während und die ersten operativen Schritte nach der Umsetzung legen.
Die Kennzahl "X von Y Mitarbeitenden entlassen" misst das falsche Phänomen, denn die Mitarbeitenden, die bleiben, beobachten jeden Schritt des Prozesses und ziehen daraus Schlüsse über Führungsqualität, Vertrauenswürdigkeit und ihre eigene Zukunft im Unternehmen. Wenn CEOs und CHROs nur die Gehenden als Betroffene zählen, planen sie an der eigentlichen Risikogruppe vorbei. Die Bleibenden entscheiden über den Erfolg der Restrukturierung, nicht die Gehenden.
Die frühen Signale sind selten laut. Gespräche werden über die Zeit hinweg vorsichtiger, Fragen bleiben unausgesprochen und Mitarbeitende beobachten Führungskräfte mit einer Schärfe, die im normalen Betrieb nicht existiert. Wenn diese Situation anhält, ohne dass Orientierung entsteht, kippt die Stimmung. Die operative Diagnosefrage lautet: Beobachten Mitarbeitende den Prozess mit Verständnis oder mit Misstrauen? Wer diese Frage nicht stellt, bemerkt den Vertrauensverlust erst, wenn er sich in Attrition-Zahlen zeigt.
Matthias strukturiert jeden Restrukturierungsprozess entlang drei Gruppen: die Mitarbeitenden, die gehen müssen, die Mitarbeitenden, die bleiben, und das Unternehmen als Entscheidungsträger. Jede Gruppe hat andere Bedürfnisse und andere Anforderungen an Führungskommunikation. Wenn eine der Gruppen ignoriert wird, entsteht ein strukturelles Defizit. In der Praxis wird die Gruppe der Bleibenden am häufig vernachlässigt, obwohl auf ihr die Zukunft der Organisation aufbaut. Die Perspektive „Respekt gegenüber dem Unternehmen” ist für viele gänzlich neu; doch gerade diese Perspektive ist für die Umsetzung einer Personalabbaumaßnahme und die Wirksamkeit der dortigen Kommunikation maximal relevant.
Wie ein Unternehmen die Gehenden behandelt, wird von den Bleibenden genau registriert und bewertet. Wer die Konditionen für Ausscheidende auf ein Minimum reduziert, um kurzfristig Einsparungen zu maximieren, sendet ein Signal an die verbleibende Belegschaft. Dieses Signal löst in vielen Fällen eine zweite Abwanderungswelle aus, die die ursprünglichen Einsparungen um ein Vielfaches übersteigt. CFOs sollten Restrukturierungskosten deshalb nicht isoliert kalkulieren.
Hinzugefügt werden muss an dieser Stelle, dass Respekt nicht von der Höhe der Abfindungen abhängt. Die Reduktion auf ein Minimum steht für ein relatives Maß gemessen an der jeweiligen Situation.
Nicht perfekte Entscheidungen, sondern nachvollziehbare. Mitarbeitende bewerten in Krisensituationen vor allem, ob sie verstehen können, warum eine Entscheidung getroffen wurde, und ob sie beobachten, dass die Betroffenen respektvoll behandelt werden. Beides zusammen schafft Akzeptanz, auch für harte Maßnahmen. Wenn beides fehlt, entsteht eine stille Distanzierung. Für Führungskräfte bedeutet das: Transparenz und sichtbarer Respekt im Prozess sind oft entscheidender für die Stabilität der Organisation als die Entscheidung selbst.
In Restrukturierungen treffen Botschaften auf vier verschiedene Persönlichkeitstypen gleichzeitig, die unterschiedliche Argumente, emotionale Signale und Strukturinformationen brauchen, um eine Entscheidung einordnen zu können. Führungskommunikation, die nur aus der eigenen Perspektive formuliert wird, erreicht drei dieser vier Gruppen nicht. Wer im All-Hands-Meeting spricht, spricht nicht zu sich selbst.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie man Kündigungsgespräche führt, sondern wie die Abteilung am Tag danach mit 30 Prozent weniger Headcount in einer neu definierten Prioritätenlandschaft arbeitet. HR sollte sicherstellen, dass Führungskräfte für beide Szenarien vorbereitet sind und dass das Zeitfenster unmittelbar nach der Restrukturierung aktiv mit Orientierung gefüllt wird.
Die Grundsatzentscheidung lautet: kurzfristige Effizienz oder langfristige organisatorische Stabilität. Wer ausschließlich auf Effizienz setzt, riskiert kulturelle Schäden, die sich in Personalabwanderung, sinkender Leistungsbereitschaft und Vertrauensverlust niederschlagen. Führung bedeutet in diesem Kontext, die wirtschaftliche Notwendigkeit klar zu vertreten und gleichzeitig Verantwortung für die menschlichen Konsequenzen sichtbar zu übernehmen - wobei das letztere das erste positiv unterstützt und nicht, wie oftmals angenommen, negativ beeinflusst.
Nicht an den Kostenreduktionszahlen aus der Umsetzungsphase, sondern an der Stabilität des Vertrauens in Führung, der Retentionrate der Leistungsträger und der Art, wie in Teams über das Unternehmen gesprochen wird. Diese Signale entstehen nicht zufällig. Sie sind direkte Konsequenz der Qualität, mit der der Prozess gestaltet wurde. Wenn HR keine systematische Nachverfolgung dieser Indikatoren betreibt, fehlt die Grundlage, um Restrukturierungsprozesse zu verbessern und ihre Kosten zu verstehen.
Restrukturierungen zeigen, was in einer Organisation tatsächlich gilt, nicht was in Leitbildern steht. Die Entscheidung, wie mit Menschen umgegangen wird, die ein Unternehmen in schwierigen Momenten verlassen muss, ist keine weiche Führungsfrage. Sie ist eine strategische Entscheidung mit messbaren Konsequenzen für die Organisation, die danach weiterarbeitet.
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