Podcast-Episode mit Susanne Dietz: Warum HR Elternzeit nicht dem Zufall überlassen darf

Vereinbarkeit als Retention-Hebel: Warum HR Elternzeit nicht dem Zufall überlassen darf

Elternzeit wird in vielen Unternehmen wie eine Unterbrechung behandelt. Doch genau dort entscheidet sich, ob sich Investitionen in Talente auszahlen. Dr. Susanne Dietz erklärt, warum Unternehmen genau für diese Phase einen klaren Führungsauftrag brauchen.

TL;DR. Gut ausgebildete Mütter verschwinden nicht, weil sie gehen wollen. Sie verschwinden, weil niemand einen Plan hat, sie zu halten. Schwangerschaft löst in den meisten Unternehmen Improvisation aus, Elternzeit läuft ohne definierten Kontakt, Rückkehr wird nicht als Re-Onboarding verstanden, und Teilzeit überlässt die Kompensation den Betroffenen selbst. Vereinbarkeit ist kein Kulturthema. Es ist ein Führungsauftrag, den bisher niemand explizit vergeben hat.

Irgendwann in den letzten Jahren hat eine gut ausgebildete Mitarbeiterin ihrer Führungskraft gesagt, dass sie schwanger ist. Was danach passierte, folgte in vielen Unternehmen demselben Muster. Dr. Susanne Dietz, Unternehmensberaterin, Autorin und Gründerin von buSINNess®, hat diesen Moment hundertfach beobachtet.

Was sie dabei immer wieder sieht, beschreibt sie in einem Bild, das präziser ist als jede Analyse: „Wenn eine Frau ihrem Chef, ihrer Chefin sagt: So, ich bin schwanger, dass die dann erst mal in Problemhypnose verfallen. Als wäre das noch nie passiert. Und als wäre das jetzt so das schlimmste und unlösbarste Problem der Welt."

Die Diagnose klingt pointiert, trifft aber etwas Strukturelles. Das Problem liegt nicht im Charakter der Führungskraft, nicht in mangelndem Willen und auch nicht in fehlender Sensibilität für das Thema. Es liegt darin, dass die meisten Organisationen für genau diesen Moment keinen Plan haben. Keinen Prozess, keine definierten Schritte, keine Verantwortlichkeiten, keine Deadlines. Und weil es keinen Plan gibt, fällt die Führungskraft in das zurück, was Menschen in unstrukturierten Situationen immer tun. Sie improvisiert, zögert oder vergisst.

Was dabei verloren geht, ist selten sofort sichtbar. Die Mitarbeiterin, in die das Unternehmen investiert hat, in Weiterbildungen, in Förderprogramme, in Verantwortung, verschwindet ab diesem Moment langsam aus der Talentlogik. Nicht weil sie kündigt. Weil niemand aktiv dafür sorgt, dass sie bleibt.

Susanne arbeitet seit Jahren mit Unternehmen daran, genau das zu ändern. Über Appelle an bessere Haltung kommt sie dabei nicht weit. Was sie stattdessen verfolgt, ist die Frage, welche Strukturen, Prozesse und Führungsaufträge Organisationen brauchen, damit Elternschaft aufhört, ein Ausnahmefall zu sein, und anfängt, ein führbarer Lebensphasenwechsel zu werden.

Der Auftrag, den niemand ausgesprochen hat

In Unternehmen, die Vereinbarkeit ernst nehmen wollen, gibt es meistens eine Lücke, die sich nicht im Organigramm findet. Sie liegt zwischen dem, was von Führungskräften erwartet wird, und dem, was ihnen je explizit gesagt wurde. Susanne hat dafür eine Formulierung, die sie immer wieder verwendet, weil sie das Problem präziser trifft als jede Strukturanalyse.

„Was oft nicht klar ist, ist der Auftrag. Also ich spreche immer von Aufträgen. Das gilt für das Thema Sinn, aber auch für das Thema Vereinbarkeit, dass sich Führungskräfte oft nicht bewusst sind, dass das ihr Auftrag ist. Sie haben aber den Auftrag auch nie vom Unternehmen bekommen."

Wenn Führungsaufträge nicht ausgesprochen werden, existieren sie in der Praxis nicht. Führungskräfte reagieren auf das, wofür sie bewertet werden, wofür sie Ressourcen bekommen, wofür sie Rechenschaft ablegen müssen. Vereinbarkeit taucht in diesen Systemen selten auf. Sie ist kein KPI, kein Reviewpunkt, kein messbares Ziel. Sie ist ein Wunsch, der irgendwo zwischen Employer-Branding-Broschüre und Einzelfallgespräch hängt.

Es wurde nie ausgesprochen, sagt Susanne, dass es Teil des Jobs ist, dafür zu sorgen, dass Frauen gefördert werden, dass Frauen, wenn sie in Elternzeit sind, auch wieder zurückkommen. Und genau weil es nie ausgesprochen wurde, bleibt es dem Ermessen, der Sensibilität und dem Zeitbudget der einzelnen Führungskraft überlassen. Manche handeln gut. Viele nicht. Und das System lernt daraus nichts, weil es keine Rückkopplungsschleife gibt.

Was Susanne beschreibt, ist kein individuelles Versagen, sondern ein Konstruktionsfehler. Organisationen haben Elternschaft nie als normalen, planbaren Lebensphasenwechsel behandelt. Sie haben ihn als Ausnahme codiert, als Störung des Regelbetriebs, als etwas, das situativ gehandhabt werden muss. Dabei sind Schwangerschaft, Elternzeit, Rückkehr und Teilzeit vorhersehbar. Sie sind häufig. Und sie sind führbar. Aber nur, wenn Organisationen aufhören, so zu tun, als wären sie es nicht.

Die Konsequenz dieser Ausnahme-Logik zeigt sich selten im Moment der Ankündigung. Sie entfaltet sich in dem, was danach kommt. Die implizite Annahme, dass die Mitarbeiterin nach der Elternzeit vielleicht nicht zurückkommt, oder falls doch, dann nur reduziert und daher weniger karriererelevant, beginnt Entscheidungen zu färben, lange bevor sie jemand ausspricht. Susanne nennt das das eigentliche Retention-Problem, nämlich die stille Abschreibung, die lange vor dem sichtbaren Abgang beginnt.

Für HR-Verantwortliche ist das eine unbequeme Beobachtung, weil sie zeigt, dass der Schaden nicht dort entsteht, wo er sichtbar wird. Wenn eine gut ausgebildete Mutter nach der Elternzeit nicht zurückkehrt oder in eine Position zurückkehrt, die ihrer Qualifikation nicht entspricht, ist das das Ergebnis eines langen Prozesses organisationaler Gleichgültigkeit, der viel früher begann und an vielen Stellen hätte unterbrochen werden können.

Kein Plan, keine Prozesse, keine Deadlines

Wenn Susanne mit Unternehmen arbeitet, stellt sie früh eine Frage, die eigentlich banal klingen sollte. Was passiert bei euch, wenn eine Mitarbeiterin sagt, dass sie schwanger ist? Die Antwort ist in den meisten Fällen keine Antwort, sondern eine Beschreibung von Improvisation. Die Führungskraft reagiert irgendwie. HR wird vielleicht informiert. Irgendwann werden Vertretungsfragen besprochen. Und dann läuft die Zeit bis zum Mutterschutz, ohne dass jemand einen strukturierten Plan verfolgt.

Susanne hat in der Beratungspraxis eine Beobachtung gemacht, die sie in Gesprächen mit Führungskräften und HR-Verantwortlichen immer wieder als Ausgangspunkt nimmt. „Die Unternehmen haben einfach keinen Plan. Da gibt es keinen festgesetzten Prozess. Und das ist das, was für die Führungskräfte schwierig ist, weil wenn sie von HR einen Prozess haben, welche Schritte muss ich einleiten, also was ist denn zu tun, was ist denn zu planen, das mit Deadlines, da irgendwie so ein Fahrplan zu hinterlegen." Ohne diesen Fahrplan reagiert die Führungskraft auf den Moment, statt ihn zu gestalten.

Was ein solcher Prozess leisten muss, beschreibt Susanne in praktischen Begriffen. Es geht um Klarheit über Schritte und Verantwortlichkeiten ab dem Moment der Ankündigung, um die Organisation von Vertretung, um definierten Kontakt während der Elternzeit, um die Vorbereitung des Wiedereinstiegs und um die Einbindung des Teams. Das ist Führungsarbeit, die HR ermöglichen muss, indem sie ihr einen Rahmen gibt.

Susanne verweist auf einen Effekt, den sie in der Beratungspraxis immer wieder beobachtet. Unternehmen ohne Prozess haben auch keine Erfolgsmodelle. Sie können intern nicht zeigen, wie es gut funktioniert hat, weil gut funktioniert in diesem Kontext bedeutet, dass jemand improvisiert hat und Glück hatte. Das lässt sich nicht wiederholen und nicht lernen. Erst wenn der Prozess existiert, entsteht die Möglichkeit, Muster zu erkennen und Führungskräfte auf das vorzubereiten, was in jedem Unternehmen mit einer gewissen Regelmäßigkeit eintreten wird. Und dennoch behandeln die meisten jeden Fall so, als begegne er ihnen zum ersten Mal.

Die Elternzeit, die niemand führt

Es gibt einen Satz, den Susanne in Gesprächen mit Führungskräften immer wieder hört, wenn es um Kontakt während der Elternzeit geht. Ruf irgendwann mal an, wenn du Zeit hast. Dieser Satz klingt wohlwollend. Er ist es auch. Aber er beschreibt keinen Plan. Er beschreibt eine Absicht, die im Alltag der Führungskraft keine Chance hat, sich in eine Handlung zu verwandeln. Susanne hat dazu eine klare Einschätzung, die sie aus der Begleitung von Müttern im Coaching entwickelt hat.

„Wenn ich in Elternzeit bin, wir brauchen in regelmäßigen Abständen Kontakt und der muss definiert sein. Also dieses, ja, dann ruf irgendwann mal an, wenn du Zeit hast oder so. Das passiert halt nicht."

Der Kontakt muss deshalb in regelmäßigen, vorab vereinbarten Terminen verankert sein, die nicht von der Verfügbarkeit beider Seiten im Moment abhängen, sondern von einem gemeinsam definierten Rhythmus. Was in diesen Terminen passiert, ist für Susanne genauso wichtig wie ihr bloßes Stattfinden. Es geht nicht darum, den Kalender zu füllen, sondern darum, die Verbindung zur Organisation aufrechtzuerhalten und den Wiedereinstiegsplan kontinuierlich anzupassen.

Susanne beschreibt, was sie als eigentliche Führungsaufgabe in diesen Gesprächen versteht. „In diesen Terminen ist es ganz wichtig, und das wäre halt eigentlich die Führungsaufgabe, da auch immer nachzufragen: Wie geht es dir? Wie schaut es gerade aus? Hat sich etwas verändert in diesem Wiedereinstiegsplan?" Diese Fragen klingen einfach. Doch in der Praxis stellen sie den Unterschied dar zwischen einer Mitarbeiterin, die mit einem realistischen Bild ihrer Rückkehr entgegengeht, und einer, deren Plan niemand je hinterfragt hat.

Susannes Erfahrung aus dem Coaching zeigt, dass sich die Pläne von Müttern in Elternzeit fast immer verschieben, meistens weil sie sich selbst überschätzt haben, was Tempo und Umfang der Rückkehr betrifft. Führungskräfte, die den Plan gemeinsam mit der Mitarbeiterin regelmäßig nachjustieren, signalisieren dabei etwas, das weit über organisationale Effizienz hinausgeht, nämlich dass die Person noch zum Unternehmen gehört.

Der Umkehrfall ist gut dokumentiert. Wenn der Kontakt fehlt, wächst die mentale Distanz zur Organisation, nicht dramatisch, nicht als bewusste Entscheidung, sondern schleichend. Die Mitarbeiterin, die nach einem Jahr zurückkommt und das Gefühl hat, in der Zwischenzeit vergessen worden zu sein, ist eine andere als die, die durchgehend eingebunden war. Ob sie bleibt, hängt dann weniger von der Qualität ihrer Stelle ab als von dem Gefühl, ob das Unternehmen sie wirklich zurückwollte. Die Qualität des Kontakts während der Elternzeit bestimmt damit direkt, ob eine Investition des Unternehmens erhalten bleibt oder verloren geht.

Was Organisationen in der Elternzeit nicht sehen wollen

Elternzeit wird in der Unternehmenslogik fast ausschließlich als Abwesenheit codiert. Als eine Phase, in der jemand nicht zur Verfügung steht, in der Verantwortung verteilt werden muss und in der die eigentliche Arbeit von anderen übernommen wird. Was in dieser Phase mit der Person selbst passiert, interessiert die meisten Organisationen erst wieder, wenn der Rückkehrtermin näher rückt.

Susanne sieht das anders. Sie beschreibt Elternzeit, insbesondere die frühe Phase mit einem Baby, als eine der anspruchsvollsten Situationen, die ein Mensch durchlaufen kann, ohne dass es jemand so nennt. Der Skill, der dabei am stärksten trainiert wird, ist für sie Selbststeuerung im Sinne von Selbstmanagement. Sie beschreibt das aus eigener Erfahrung und aus der Begleitung vieler Mütter.

„Wenn ich jetzt einen aussuchen müsste, dann ist es, glaube ich, wirklich dieses Thema, diese 24-Stunden-Verfügbarkeit. Also wo man ja auch erst mal denkt, du hast ja nie Pause. Und diese Dauerbelastung und da aber auch sich selbst da durchzusteuern. Deswegen glaube ich, ist einer dieser super Skills für mich mit Sicherheit diese Selbststeuerung im Sinne von Selbstmanagement. Weil du musst einfach, und das sage ich bewusst, du musst wirklich im guten Kontakt mit dir sein, um vor allem diese haarigen Zeiten mit einem Baby durchzustehen."

Diese Kompetenzen tauchen in Lebensläufen nicht auf, weil die Sprache dafür fehlt und weil die Phase selbst organisational als Unterbrechung gilt. Führungskräfte, die Mütter nach der Elternzeit mit dieser Perspektive empfangen, fragen nicht nur, was die Person noch kann. Sie fragen, was sie inzwischen besser kann.

Susanne beschreibt auch, was passiert, wenn Mitarbeiter in einer solchen Situation die Initiative selbst ergreifen müssen, weil die Organisation keinen Fahrplan hat. Sie dürfen ihre Führungskraft ein Stück weit führen, eigeninitiativ das Ruder mit in die Hand nehmen, Entscheidungsvorlagen entwickeln, die der Führungskraft die Situation erleichtern. Das funktioniert in der Praxis manchmal. Es ist aber eine Lösung auf Kosten der Mitarbeiter. Wer in einer persönlich herausfordernden Lebensphase gleichzeitig die organisationale Lücke schließen muss, die HR und Führung hinterlassen haben, zahlt einen Preis, der in keiner Prozessbeschreibung auftaucht.

Rückkehr ist kein Weitermachen

Eine der hartnäckigsten Illusionen rund um Elternzeit ist die Vorstellung, dass Rückkehr bedeutet, dort weiterzumachen, wo man aufgehört hat. Susanne beschreibt, worauf diese Illusion beruht und warum sie so hartnäckig ist: „Es ist ja eine Illusion und der sitzen halt viele auf, der kommt halt. Also die ist halt jetzt ein Jahr weg und jetzt ist schon ein Jahr vorbei und jetzt kommt die wieder und dann geht es halt so weiter und das stimmt einfach nicht, weil da ist eine Person, die ist ein paar Monate, ein Jahr, zwei oder drei, vielleicht sogar draußen gewesen und das Unternehmen hat sich weiterentwickelt. Aber vor allem ja auch die Mutter."

Eine Person, die ein Jahr, zwei oder drei außerhalb des Unternehmens verbracht hat, ist nicht dieselbe, die gegangen ist. Elternzeit ist, wie Susanne es beschreibt, für viele Mütter ein Bootcamp der Entwicklung. Selbststeuerung unter extremem Druck, Priorisieren in Situationen, in denen kein Plan greift, das Durchsteuern durch Phasen, in denen oben und unten nicht mehr klar unterscheidbar sind. Führungskräfte, die das erkennen, haben einen anderen Ausgangspunkt für das Rückkehrgespräch als solche, die erwarten, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben.

Wenn Organisationen Rückkehr als nahtlose Fortsetzung behandeln, verpassen sie die Möglichkeit, die zurückkehrende Person mit dem zu empfangen, was sie tatsächlich ist. Und sie verpassen die Möglichkeit, das Team auf eine Situation vorzubereiten, die für alle Beteiligten neu ist, auch für die Kolleginnen und Kollegen, die in der Zwischenzeit Aufgaben übernommen haben und nun eine Neuverteilung erleben.

Susanne ist in diesem Punkt sehr klar. Re-Onboarding bedeutet einen Prozess für die zurückkehrende Person und einen für das Team. „Ich darf die zurückkehrende Mutter, oder auch Vater, aus der Elternzeit wie eine neue Mitarbeiterin ein Stück weit behandeln. Was aber auch bedeutet, nicht nur einen vernünftigen Onboarding-Prozess für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben, sondern auch fürs Team." Ungerechtigkeit entsteht im Team oft nicht durch bösen Willen, sondern durch fehlende Kommunikation. Führungskräfte, die das Team vergessen, lösen Konflikte aus, die vermeidbar gewesen wären.

Re-Onboarding bedeutet in der Praxis, dass die zurückkehrende Person erfährt, was sich verändert hat, wer jetzt welche Rolle spielt, wie Entscheidungen heute getroffen werden. Es bedeutet, dass das Team versteht, was die Rückkehr für die Zusammenarbeit konkret bedeutet. Und es bedeutet, dass die Führungskraft aktiv moderiert, statt zu hoffen, dass sich alles von selbst einspielt. Dass beides in den wenigsten Unternehmen existiert, ist eine der folgenreichsten Lücken im Umgang mit Elternzeit.

Teilzeit als Führungsaufgabe, nicht als Privatproblem

Wenn Mütter nach der Elternzeit in Teilzeit zurückkehren, beginnt in vielen Unternehmen ein stiller Kampf, der selten so benannt wird. Die Mitarbeiterin ist da, aber nicht immer. Meetings finden statt, wenn sie nicht da ist. Informationen fließen an ihr vorbei. Kolleginnen und Kollegen übernehmen Aufgaben, die eigentlich ihr gehören, und niemand spricht offen darüber, ob das fair ist. Die Mitarbeiterin versucht, das auszugleichen, arbeitet länger als ihre vertragliche Stundenzahl, ist erreichbar, wenn sie es nicht sein müsste, und merkt trotzdem, dass sie benachteiligt ist.

Susanne hat dieses Muster in der Beratungspraxis oft genug beobachtet, um es klar benennen zu können. „Es braucht halt auch hier ein Umdenken und Struktur und Führung, wenn du viele Teilzeitbeschäftigte hast, weil unser System ist halt in der Regel auf Vollzeit ausgelegt. Das heißt, es ist auch oft noch so, dass Teilzeitmitarbeiter, aus welchen Gründen auch immer, das irgendwie selber kompensieren dürfen. Und natürlich dann struggeln." Wer ein Team mit mehreren Teilzeitkräften führt, ohne die Strukturen dafür anzupassen, schafft keine Flexibilität. Er schafft eine informelle Mehrbelastung für alle Beteiligten.

Das erfordert in der Praxis, dass Informationsflüsse so gestaltet werden, dass sie nicht von Anwesenheit abhängen. Dass Meetings zu Zeiten stattfinden, die für alle Teammitglieder zugänglich sind. Dass Aufgaben und Verantwortlichkeiten so verteilt werden, dass Teilzeit keine Benachteiligung produziert. Und dass Führungskräfte aktiv hinschauen, ob im Team das Gefühl entsteht, dass Teilzeit auf Kosten anderer geht, weil genau dieses Gefühl Konflikte erzeugt, die schwerer zu lösen sind als die ursprüngliche Planungsaufgabe.

Susanne macht dabei eine Unterscheidung, die für HR-Verantwortliche strategisch relevant ist. Gut ausgebildete Mütter, die viel in ihre Karriere investiert haben, sind in der Mehrheit keine Mitarbeiterinnen, die bei der erstbesten Schwierigkeit gehen. Wenn es einem Unternehmen gelingt, mit ihnen durch die turbulente Phase nach der Elternzeit durchzugehen, entsteht eine Loyalität, die sich über Jahrzehnte erstrecken kann. Anfang 40, mit stabilisierter Familiensituation und gewachsener Führungsreife, sind sie häufig genau die Talente, die Unternehmen suchen.

Susanne differenziert dabei bewusst. Es gibt auch Mütter, für die Mutterschaft ein Exit ist, bewusst oder unbewusst, und einen kleinen Anteil, der in der Mutterrolle vollständig aufgeht und nicht mehr zurückkommt. Diese Unterscheidung zu treffen, ist nur möglich, wenn der Kontakt während der Elternzeit stabil war und HR ein realistisches Bild davon hat, wen sie vor sich hat. Ohne diesen Kontakt investiert HR gleichmäßig in alle und differenziert in keinen.

Das setzt voraus, dass Teilzeit nicht als Ausnahme vom Normalbetrieb verwaltet wird, sondern als Führungsaufgabe, die denselben Rahmen braucht wie jede andere Form der Teamorganisation.

Das Arbeitsmodell, das Vereinbarkeit strukturell verhindert

Hinter den fehlenden Prozessen, den ungeführten Elternzeiten und den schlecht organisierten Teilzeitmodellen liegt eine Grundannahme, die selten explizit gemacht wird, aber fast alle Entscheidungen färbt. Susanne begegnet ihr in Gesprächen mit Unternehmen immer wieder, zuletzt am Rande eines HR-Kongresses in Salzburg, wo ihr Vorredner Tristan Horx dasselbe Bild verwendete, das sie selbst seit Jahren benutzt.

„Diese Flexibilisierung von Arbeit ist längst überfällig. Dieses Nine-to-Five kommt ja wirklich noch aus dieser Zeit der Industrialisierung der Produktion. Ich glaube, dass dieses Modell einfach schon längst tot ist, aber viele dieses Pferd immer noch reiten wollen und wir dann an allen Ecken und Enden ständig an Probleme stoßen."

Solange Organisationen Leistung primär über Anwesenheit messen und Arbeitszeit als Proxy für Produktivität verwenden, sind flexible Arbeitsmodelle nachrangig. Sie werden als Ausnahme gewährt, nicht als Normalfall gestaltet. Und jede Ausnahme erzeugt Reibung, weil sie das System zwingt, gegen seine eigene Logik zu arbeiten.

Für Mütter, die nach der Elternzeit in Teilzeit zurückkehren, bedeutet das eine doppelte Belastung. Sie navigieren die persönliche Neuorganisation einer veränderten Lebenssituation und gleichzeitig ein Arbeitssystem, das für ihre Situation nicht gebaut wurde. Die Vollzeitnorm ist nicht neutral. Sie bevorzugt diejenigen, die keine Care-Verantwortung tragen oder deren Care-Verantwortung von anderen übernommen wird.

Susanne argumentiert nicht für eine bestimmte politische Lösung, sondern für eine organisationale Konsequenz. Wenn Unternehmen Vereinbarkeit wirklich als Führungsaufgabe verstehen wollen, müssen sie Arbeitsmodelle vom Output her denken. Leistung wird definiert und gemessen, nicht Arbeitszeit. Flexibilität gilt nicht als Privileg einzelner, sondern als Angebot, das für unterschiedliche Lebensphasen funktioniert. Führungskräfte lernen, Teams zu führen, in denen Vollzeit und Teilzeit nicht als Hierarchie von Engagement gelesen werden, sondern als unterschiedliche Formen, denselben Output zu liefern.

Gut geführte Teilzeitkräfte liefern. Schlecht organisierte Vollzeitkräfte nicht. Der Zusammenhang zwischen Anwesenheitsstunden und Produktivität ist schwächer, als das dominante Arbeitsmodell suggeriert. Und solange das nicht organisational anerkannt wird, bleibt Vereinbarkeit ein Thema, das HR verwaltet, statt eines, das Organisationen gestalten.

Das Mandat, das noch aussteht

Vereinbarkeit scheitert in den meisten Unternehmen an einem Versäumnis, das sich nicht im Budget findet und nicht in der Haltung. Es scheitert daran, dass der Wille, den viele Organisationen durchaus haben, nie in einen expliziten Auftrag übersetzt wurde. Schwangerschaft, Elternzeit, Rückkehr und Teilzeit sind in den meisten Organisationen noch immer Ereignisse, die passieren, statt Phasen, die geführt werden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Beschreibungen ist größer, als er klingt.

Susanne beschreibt das Potenzial gut ausgebildeter Mütter als eines der am systematischsten unterschätzten in der deutschen Arbeitswelt. Unternehmen verlieren es, weil sie es passiv verlieren. Durch fehlende Prozesse, durch undefinierten Kontakt, durch Re-Onboarding, das keiner so nennt, und durch Teilzeitmodelle, die auf Kompensation durch die Betroffenen angewiesen sind. Die Mechanismen sind bekannt. Was fehlt, ist die organisationale Entscheidung, sie zu schließen.

Was diese Entscheidung erfordert, ist weniger eine Frage der Ressourcen als eine Frage der Mandatierung. HR muss den Auftrag aussprechen, den Führungskräfte nie erhalten haben. Und Führungskräfte müssen verstehen, dass Vereinbarkeit kein Thema ist, das neben ihrer Arbeit existiert. Es gehört zu ihrer Arbeit, genauso wie Leistungsgespräche, Teamentwicklung und strategische Planung. Solange das nicht ausgesprochen wird, bleibt Elternzeit das, was sie in den meisten Unternehmen heute noch ist, nämlich etwas, das dem Zufall gehört.

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Key Takeaways: Vereinbarkeit als Führungsauftrag — was HR und Führung jetzt strukturell ändern müssen

Gut ausgebildete Mütter verlassen Unternehmen selten lautstark. Sie verschwinden still, weil kein Prozess existiert, der sie hält. Hinter diesem Muster steckt kein Haltungsproblem, sondern ein Mandatierungsproblem: Führungskräfte wurden nie explizit beauftragt, Elternschaft zu führen. Die folgenden Fragen helfen HR-Entscheidern, die strukturellen Lücken zu erkennen und gezielt zu schließen.

1) Was genau bedeutet es, Vereinbarkeit als Führungsauftrag zu verstehen, und was unterscheidet das von einer Benefit-Logik?

Vereinbarkeit als Führungsauftrag bedeutet, dass Schwangerschaft, Elternzeit und Rückkehr nicht als individuelle Sondersituationen behandelt werden, die HR fallweise löst, sondern als planbare Organisationsaufgabe mit klaren Prozessen, Verantwortlichkeiten und Führungserwartungen. Benefits signalisieren Goodwill, lösen aber kein Strukturproblem. Wer Vereinbarkeit als Führungsauftrag versteht, fragt nicht, was das Unternehmen anbietet, sondern welche Prozesse sicherstellen, dass Talent in jeder Lebensphase gehalten und wirksam eingesetzt wird.

2) Wie sieht ein funktionierender HR-Prozess rund um Schwangerschaft, Elternzeit und Rückkehr konkret aus?

Ein funktionierender Prozess beginnt mit dem Moment der Schwangerschaftsankündigung und endet nicht, bis das Team die Rückkehr der Mitarbeiterin vollständig integriert hat. Er definiert, welche Schritte einzuleiten sind, wer wofür verantwortlich ist, wie Vertretung organisiert wird, in welchem Rhythmus Kontakt während der Elternzeit stattfindet und wie Re-Onboarding für die Person und das Team gestaltet wird. HR-Verantwortliche, die diesen Prozess nicht dokumentiert und kommuniziert haben, überlassen das Ergebnis der Qualität der einzelnen Führungskraft. Das ist kein skalierbares Modell.

3) Woran erkennen HR-Verantwortliche frühzeitig, dass Vereinbarkeit in ihrer Organisation dem Zufall überlassen wird?

Das früheste Signal ist das Fehlen eines dokumentierten Prozesses für Schwangerschaft und Elternzeit. Wenn HR auf die Frage, was beim nächsten Schwangerschaftsfall passiert, keine Antwort hat, die über informelle Praxis hinausgeht, ist Vereinbarkeit strukturell nicht verankert. Ein weiteres Signal sind fehlende interne Erfolgsmodelle. Unternehmen, die keine Fälle benennen können, in denen Elternzeit und Rückkehr nachweislich gut geführt wurden, haben keinen lernfähigen Prozess, sondern Glücksfälle.

4) Wer trägt die eigentliche Verantwortung für Vereinbarkeit, HR, Führungskräfte oder beide?

HR trägt die Verantwortung für den Prozess, die Struktur und das explizite Mandat. Führungskräfte tragen die Verantwortung für die Ausführung, aber nur, wenn HR ihnen diesen Auftrag klar gegeben und mit den nötigen Werkzeugen ausgestattet hat. Wenn eine Führungskraft Elternzeit schlecht begleitet, ist das in den meisten Fällen kein Haltungsproblem, sondern ein Strukturversagen. CHROs, die Führungskräfte für Vereinbarkeit verantwortlich machen, ohne ihnen einen Fahrplan gegeben zu haben, delegieren Verantwortung ohne Grundlage.

5) Welche konkreten Risiken entstehen, wenn Elternzeit nicht aktiv geführt wird?

Das unmittelbarste Risiko ist der stille Talentabgang. Gut ausgebildete Mitarbeiterinnen verschwinden nicht durch Kündigung, sondern durch schleichende mentale Distanz, die entsteht, wenn Kontakt fehlt und niemand aktiv an ihrer Rückkehr arbeitet. Ein zweiter Risikotyp ist die Fehlbesetzung nach der Rückkehr, wenn eine Person, die sich in der Elternzeit weiterentwickelt hat, in eine Rolle zurückgesetzt wird, die ihrer gewachsenen Kompetenz nicht entspricht. Beide Risiken sind vermeidbar, wenn der Prozess existiert.

6) Was erwarten gut ausgebildete Mütter von ihrem Arbeitgeber während der Elternzeit, und was passiert, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden?

Die Kernerwartung ist regelmäßiger, definierter Kontakt, der signalisiert, dass die Rückkehr erwartet und vorbereitet wird. Nicht gelegentliche informelle Nachrichten, sondern vereinbarte Gesprächsrhythmen, in denen der Wiedereinstiegsplan gemeinsam nachjustiert wird. Wenn diese Erwartung nicht erfüllt wird, wächst die mentale Distanz zur Organisation. Die Mitarbeiterin kommt entweder nicht zurück oder kommt mit dem Gefühl zurück, vergessen worden zu sein. Beides kostet mehr als ein strukturierter Kontaktprozess.

7) Was muss sich am Arbeitsmodell ändern, damit Teilzeit strukturell funktioniert und nicht auf Kosten der Betroffenen geht?

Teilzeit scheitert in den meisten Organisationen, weil das System auf Vollzeit ausgelegt ist und die Differenz stillschweigend den Teilzeitkräften überlassen wird. Was sich ändern muss, ist die Grundannahme, denn Leistung wird über Output definiert, nicht über Anwesenheitszeit. Informationsflüsse, Meetingzeiten und Aufgabenverteilung müssen aktiv so gestaltet werden, dass Teilzeit keine strukturelle Benachteiligung produziert. Führungskräfte, die das nicht aktiv gestalten, erzeugen Überlastung bei den Betroffenen und Unzufriedenheit im Team.

8) Wie differenziert HR zwischen Müttern, bei denen sich Investition in Retention lohnt, und solchen, für die Mutterschaft ein Exit ist?

Die Mehrheit gut ausgebildeter Mütter, die viel in ihre Karriere investiert haben, will zurück und bleibt langfristig loyal, wenn das Unternehmen die turbulente Phase aktiv begleitet. Ein kleiner Anteil sieht Mutterschaft als Exit. Diese Unterscheidung ist nur möglich, wenn HR durch definierten Kontakt während der Elternzeit ein realistisches Bild der jeweiligen Person entwickelt. Wer diesen Kontakt nicht hält, investiert entweder in alle gleichmäßig oder in keine. Beides ist strategisch unbefriedigend.

9) Welche konkrete Entscheidung muss ein CHRO treffen, um Vereinbarkeit aus der Goodwill-Ecke herauszuholen?

Die Entscheidung ist struktureller Natur: Vereinbarkeit wird als expliziter Führungsauftrag definiert, dokumentiert und kommuniziert. Das bedeutet, dass Führungskräfte einen messbaren Auftrag erhalten, Elternzeit zu begleiten, Kontakt zu halten und Rückkehr aktiv vorzubereiten. Dieser Auftrag wurde in den meisten Unternehmen nie ausgesprochen. CHROs, die ihn jetzt aussprechen, schaffen die Grundlage dafür, dass Vereinbarkeit nicht länger vom Ermessen einzelner Führungskräfte abhängt, sondern von einem System, das für alle gilt.

10) Wie lässt sich messen, ob Elternzeit in einer Organisation gut geführt wird?

Relevante Indikatoren sind die Rückkehrquote nach Elternzeit, die Verbleibsdauer nach Rückkehr, die Qualität der Position, in die zurückgekehrt wird, und ob interne Erfolgsmodelle existieren und dokumentiert sind. Wenn HR diese Zahlen nicht kennt, ist Elternzeit nicht als geführter Prozess im System verankert. Was nicht gemessen wird, wird nicht gesteuert, und was nicht gesteuert wird, bleibt dem Zufall überlassen.

Vereinbarkeit ist in den meisten Organisationen kein Ressourcenproblem. Es ist ein Mandatierungsproblem. Solange HR den Auftrag nicht ausspricht und Führungskräfte ihn nicht erhalten, bleibt jede Verbesserung abhängig von Einzelpersonen, die zufällig gut handeln. Das ist kein Modell, das skaliert. Wer Vereinbarkeit als Führungsarchitektur begreift, schützt nicht nur Talent, sondern auch die Investitionen, die das Unternehmen bereits getätigt hat.

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