Podcast-Folge mit Dr.Volker Nürnberg: Wie Gesundheit strategisch wirksam wird

Vom Benefit zum Führungsprinzip: Wie Gesundheit strategisch wirksam wird

Krankenstand ist ein Führungs-Signal. Prof. Dr. Volker Nürnberg zeigt, warum Führungskräfte ihren Krankenstand mitnehmen und weshalb Vertrauen mehr bewirken kann als Kontrolle.

TL;DR. Die meisten Unternehmen behandeln Krankenstand als Zahl, die sich mit dem richtigen Programm senken lässt. Eine Studie zu Führungswechseln zeigt, warum dieser Blick systematisch danebengreift. Wer genau hinsieht, erkennt, dass Fehlzeiten weniger über Mitarbeitende aussagen als über die Führungskultur, in der sie entstehen. Betriebliche Gesundheit wirkt erst dann, wenn sie aufhört, ein HR-Thema zu sein, und zum Führungsprinzip wird.

Eine Führungskraft bei Audi in Ingolstadt führt ein Team mit auffällig hohem Krankenstand. Sie wechselt zu einem anderen Autobauer, neues Unternehmen, neues Team, neues Umfeld. Zwei Jahre später zeigt ihr neues Team denselben erhöhten Krankenstand wie zuvor. Alles um sie herum hat sich verändert, nur die Führungskraft nicht, und der Krankenstand ist ihr gefolgt. „Man kann sagen, Führungskräfte nehmen ihren Krankenstand mit", fasst Prof. Dr. Volker Nürnberg, Head of Healthcare bei BearingPoint, BWL-Professor und Mitglied der Ethik-Kommission beim Bundesgesundheitsministerium, zusammen.

Volker erzählt diese Geschichte nicht als Kuriosität. Er nutzt sie, um die weit verbreitete Annahme zu widerlegen, der Krankenstand sage in erster Linie etwas über die Mitarbeitenden aus. Seit über zwanzig Jahren vertritt er die These, dass Fehlzeiten weit stärker mit der Qualität von Führung zusammenhängen als mit Motivation, Arbeitsmoral oder externen Belastungen. Er zieht daraus eine klare Konsequenz für Unternehmen: „Jede Entscheidung im Unternehmen ist gesundheitsrelevant, und das kann sicher nicht HR alleine leisten."

Wenn Krankenstand tatsächlich eine Führungskennzahl ist, greifen viele der Maßnahmen, mit denen Unternehmen versuchen, ihn zu senken, an der falschen Stelle. Gesundheitsangebote, Kontrollanrufe oder pauschale Zielvorgaben lösen ein Problem, das im Kern kein Angebotsproblem ist, sondern eines der Führungskultur.

Der Mythos vom faulen Mitarbeiter

Wenn Krankenstandszahlen steigen, folgt in vielen Führungsrunden ein vertrauter Reflex. Montage und Freitage fallen auf, jemand erwähnt sinkende Arbeitsmoral, und die Diskussion verengt sich schnell auf die Frage, wie man Missbrauch besser kontrolliert. Statistisch ist an dieser Beobachtung nichts falsch, doch Volker hält von dieser Sicht auf die Fakten wenig, wie er in zahlreichen Vorstandsgesprächen deutlich macht.

Als Gegenbeweis verweist er auf eine Beobachtung aus der Pandemie, die dem verbreiteten Bild widerspricht: „Die meisten Mitarbeitenden sind loyal. Das hat man zum Beispiel auch in der Pandemie gesehen. In der Pandemie ist der Krankenstand nach unten gegangen, sogar im Krankenhaus, wo extreme Belastungen vorherrschten. Mitarbeitende sind sehr intrinsisch motiviert in der Summe und sehr loyal zum Unternehmen, gerade wenn es darauf ankommt. Wir haben einen Bodensatz an wenigen Menschen, die das missbrauchen." Ausgerechnet in einer Phase extremer Belastung sank der Krankenstand, ein Befund, der sich mit nachlassender Arbeitsmoral kaum erklären lässt.

Auch die Struktur der Fehlzeiten selbst widerspricht der Faulheits-These. Fast die Hälfte aller Ausfalltage in Deutschland entfällt auf Langzeiterkrankungen über sechs Wochen. Ein Zeitraum, der sich mit gelegentlichem Blaumachen nicht erklären lässt. Wer Krankenstand vor allem als Disziplinproblem betrachtet, übersieht damit den größeren Teil des Phänomens.

Im internationalen Vergleich bricht das Bild endgültig auseinander. In manchen Ländern dürfen Beschäftigte bis zu zwei Wochen ohne ärztliches Attest der Arbeit fernbleiben. Wer eine strengere Kontrolle für den wirksameren Hebel hält, würde dort höhere Krankenstände erwarten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. „Und jetzt halte dich bitte fest, die haben einen niedrigeren Krankenstand als wir", so Volker. Mehr Vertrauen korreliert nicht mit mehr Missbrauch, sondern mit weniger Ausfalltagen.

Wenn weder Arbeitsmoral noch fehlende Kontrolle die entscheidenden Variablen sind, bleibt eine dritte Erklärung, die tiefer in der Organisation liegt und sich nicht an Stichtagen oder Krankscheinpflichten festmachen lässt. Volkers eigentliche These setzt genau an dieser Lücke an.

Die Bettkanten-Entscheidung

Dass Führungskräfte ihren Krankenstand mitnehmen, wie Volker es nennt, wirft eine naheliegende Frage auf. Wie genau überträgt sich das Verhalten einer einzelnen Person auf die Fehlzeiten eines ganzen Teams? Die Antwort liegt für Volker nicht in Prozessen oder Programmen, sondern in einem alltäglichen, meist unbeobachteten Moment.

Krankenstand ist eine Bettkanten-Entscheidung", sagt er. Gemeint ist der Augenblick am frühen Morgen, in dem ein Mitarbeitender abwägt, ob eine Unpässlichkeit ausreicht, um zu Hause zu bleiben. Diese Entscheidung fällt selten rational anhand fester Kriterien, sondern hängt maßgeblich davon ab, wie die eigene Führungskraft wahrgenommen wird. „Wenn er eine gute Führungskraft hat, die ihn morgens in den Arm nimmt, die fragt, wie es ihm geht, die empathisch ist, dann wird er aufstehen. Wenn er eine autoritäre hat, wird er sitzen bleiben", erklärt Volker.

Jede dieser kleinen Entscheidungen für sich ist banal, in ihrer Summe über ein Jahr formen sie jedoch genau das Muster, das die Audi-Studie sichtbar macht. Eine Führungskraft, die Vertrauen und Zuwendung ausstrahlt, senkt die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeitende an der Bettkante gegen die Arbeit entscheiden. Eine Führungskraft, die das nicht tut, erhöht sie, unabhängig davon, in welchem Unternehmen sie gerade arbeitet.

Volker verbindet dieses Verhalten mit der Selbstführung der Führungskraft selbst. Wer mit der eigenen Gesundheit nachlässig umgeht, überträgt dieses Muster nach seiner Erfahrung auch auf den Umgang mit den Mitarbeitenden. Empathie gegenüber dem eigenen Team lässt sich damit nur schwer von der Fähigkeit trennen, mit der eigenen Belastung und Gesundheit verantwortungsvoll umzugehen.

Der Mechanismus ist damit erklärt. Offen bleibt die unternehmerische Frage dahinter. Wenn Führungsverhalten so unmittelbar auf Krankenstand wirkt, warum landen dann noch immer Menschen in Führungspositionen, die diese Fähigkeit nicht mitbringen?

Warum die falschen Kriterien über Jahrzehnte gewonnen haben

Wenn Empathie und Selbstführung so unmittelbar über Krankenstand entscheiden, liegt eine Frage nahe. Warum werden Führungskräfte dann überhaupt noch nach anderen Kriterien ausgewählt? Volkers Antwort richtet sich gegen eine über Jahrzehnte gewachsene Praxis. „Wir haben in den letzten Jahrzehnten die Führungskräfte immer nur nach fachlichen Kriterien ausgewählt und nicht nach Sozialkompetenz", stellt er fest.

Lange war diese Praxis nicht unvernünftig. Fachliche Exzellenz galt als der sichtbarste, am leichtesten messbare Beleg für Eignung, während soziale Kompetenz schwer zu quantifizieren blieb. Volker stellt dieser Logik eine einfache Beobachtung entgegen: „Die Halbwertszeit des Wissens in Deutschland ist fünf Jahre." Fachwissen veraltet in einem Tempo, das seinen langfristigen Wert als Auswahlkriterium untergräbt, während die Fähigkeit, Menschen empathisch zu führen, über die gesamte Karriere hinweg wirkt.

Die Konsequenz daraus lässt sich nicht kurzfristig korrigieren. Wer heute in einer Führungsposition sitzt, wurde in vielen Fällen nach genau jenen Kriterien ausgewählt, die Volker für unzureichend hält. Ein Umbau der Führungsriege nach neuen Maßstäben ist keine Frage einzelner Personalentscheidungen, sondern ein Prozess, der sich über Jahre erstreckt, und Unternehmen genau dort trifft, wo Veränderung besonders schwerfällt: In der über Jahre gewachsenen Zusammensetzung ihrer Führungsebenen.

Wenn strukturelle Auswahlkriterien den Krankenstand ganzer Teams über Jahre prägen, wird Führungskräfteauswahl selbst zu einer gesundheitsrelevanten Entscheidung, nicht nur zu einer Frage von Kompetenz oder Karrierepfaden. Der Blick beginnt sich zu weiten, weg von einzelnen Führungspersonen, hin zu der Frage, wie Unternehmen Verantwortung für Gesundheit insgesamt verteilen.

Der Wendepunkt: Vom Einzelverhalten zum Organisationssystem

Die bisherige Argumentation könnte den Eindruck erwecken, betriebliche Gesundheit sei vor allem eine Frage einzelner Führungspersonen und ihrer Auswahl. Volker weitet den Blick bewusst über diese Ebene hinaus. „Es ist erst mal ein Top-down-Prozess von der Geschäftsleitung. Aber es ist auch ein Bottom-up-Prozess, dass jeder Mitarbeiter das leben muss. Und die unteren Führungskräfte haben so eine Sandwichposition", beschreibt er die Struktur, in der Gesundheit tatsächlich entsteht.

Untere Führungskräfte tragen in dieser Position die Erwartungen der Geschäftsleitung in ihre Teams, ohne notwendigerweise selbst über die Ressourcen oder die Rückendeckung zu verfügen, diese Erwartungen einzulösen. Wird Gesundheit ausschließlich als deren persönliche Aufgabe verstanden, wird eine strukturelle Verantwortung auf eine einzelne Ebene der Hierarchie verengt, die sie allein nicht tragen kann. Volker plädiert deshalb dafür, Gesundheit dort zu verankern, wo Unternehmen ohnehin steuern, etwa in Zielvereinbarungen oder modernen Steuerungssystemen wie OKRs.

Diese Haltung zeigt sich auch dort, wo Entscheidungen auf den ersten Blick nichts mit Gesundheit zu tun haben. „Wenn Unternehmen heutzutage ein neues Gebäude bauen, dann fragen sie mich als Gesundheitsmenschen, wie muss ich das bauen. Wenn ich eine neue Software einführe, dann muss ich mir überlegen, welche ist die beste für die Mitarbeitenden, damit sie nicht gestresst werden", erläutert Volker. Ob ein Unternehmen ein neues Gebäude plant, eine neue Software einführt oder Zielsysteme definiert, jede dieser Entscheidungen wirkt auf die Gesundheit der Belegschaft, unabhängig davon, ob Gesundheit explizit mitgedacht wurde.

Die eingangs beschriebene Verantwortungsverschiebung verlangt damit mehr als bessere Führungskräfteauswahl allein. Sie verlangt, Gesundheit dort zu verankern, wo Unternehmen tatsächlich steuern. In Zielsystemen, Entscheidungsprozessen und der Verteilung von Verantwortung zwischen Geschäftsleitung, Führung und Belegschaft. Wie eng diese Verankerung an gelebter Führung hängt, zeigt sich dort, wo Unternehmen es bei Einzelmaßnahmen belassen.

Wo Einzelmaßnahmen an ihre Grenzen stoßen

Anreize und Programme können Aufmerksamkeit erzeugen. Das bestreitet auch Volker nicht. Als sein Unternehmen ein Gesundheitsförderungsprogramm mit Tickets für ein Champions-League-Finale verband, meldeten sich 200 zusätzliche Mitarbeitende an. Ein Jahr später hatte sich das Bild deutlich verschoben. „Nach einem Jahr waren 150 wieder weg. Aber 50 sind dabei geblieben", berichtet er. Ein Viertel der ursprünglichen Zahl blieb dauerhaft engagiert, der Rest kehrte zum alten Verhalten zurück, sobald der äußere Anreiz wegfiel.

Besonders deutlich wird diese Grenze, wenn Angebote und gelebte Führung auseinanderfallen. Volker erinnert sich an ein Unternehmen, das einen Firmenlauf sponserte und dabei offen ließ, wie ernst die eigene Führungsriege das Thema nahm. Bei einer internen Veranstaltung stellte er der versammelten Führungsebene eine einfache Frage. „Wer von Ihnen sieben läuft denn mit? Da haben die alle betreten auf den Boden geguckt." Das Unternehmen finanzierte Bewegung, ohne dass die eigene Führung sie vorlebte, und genau diese Lücke bemerken Mitarbeitende sehr genau.

Manche Geschäftsführungen verfolgen mit solchen Angeboten ohnehin ein anderes Ziel als echte Wirkung, wie Volker aus zahlreichen Mandaten weiß. Employer Branding reicht ihnen als Rechtfertigung, unabhängig davon, ob sich am tatsächlichen Gesundheitsverhalten etwas ändert. Als Marketinginstrument mag das funktionieren. Als Beitrag zu echter betrieblicher Gesundheit bleibt es wirkungslos, solange es von der gelebten Führungsrealität getrennt ist.

Der gemeinsame Nenner dieser Beispiele ist eine Verwechslung von Aktivierung und Wirkung. Ein Anreiz kann Verhalten kurzfristig auslösen, verändert aber nichts an den Bedingungen, unter denen Belastung und Krankheit entstehen. Ob Gesundheit von der Unternehmensspitze bis in den Arbeitsalltag hinein tatsächlich getragen wird oder an der Oberfläche eines Angebots endet, entscheidet sich woanders.

Warum die falsche Kennzahl echte Wirkung verschleiert

Ein Grund, warum Unternehmen zu schnell auf Einzelmaßnahmen zurückgreifen, liegt in der Ungeduld, mit der sie Wirkung einfordern. Volker widerspricht dieser Erwartung grundsätzlich. „Es gibt in der Gesundheitsförderung, im Gesundheitsmanagement, kein quick and dirty, sondern es ist ein langfristiger Prozess.", sagt er. Wer nach zwei Monaten fragt, warum die Belegschaft noch nicht gesünder ist, misst am falschen Zeithorizont. Erst nach etwa zwei Jahren lässt sich nach seiner Erfahrung belastbar beurteilen, ob eine Maßnahme wirkt.

Diese Geduld widerspricht dem Reflex, Gesundheit über eine einzelne, leicht verfügbare Zahl zu steuern. „Der Krankenstand alleine ist sicher nicht die richtige Kennzahl", stellt Volker klar, auch weil er stark von externen Faktoren wie Pandemien oder demografischem Wandel beeinflusst wird, die sich der Kontrolle eines Unternehmens entziehen. Wer Krankenstand dennoch als zentrale Steuerungsgröße behandelt, verwechselt eine grobe, verzerrte Momentaufnahme mit einem echten Fortschrittsmaß.

Als Alternative schlägt Volker weichere, aber ehrlichere Indikatoren vor, etwa die einfache Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit auf einer Skala. Entscheidend ist dabei weniger der einzelne Wert als seine Entwicklung über die Zeit. Ergänzt um Kennzahlen wie Wiedereingliederungsquoten oder Fluktuation entsteht ein Bild, das der Komplexität von Gesundheit eher gerecht wird als eine einzelne, leicht misszuverstehende Fehlzeitenstatistik.

Dass Gesundheit sich derart einer schnellen, einfachen Erfolgsmessung entzieht, passt zu allem, was zuvor über Führung und Struktur gesagt wurde. Wer erwartet, mit einem Programm in wenigen Monaten messbare Ergebnisse zu erzielen, unterschätzt genau jene langsam wirkenden, kulturellen Kräfte, die Volker als eigentlich entscheidend beschreibt.

Was Vertrauen bewirkt, das Kontrolle nicht kann

Manche Unternehmen reagieren auf steigenden Krankenstand mit schärferer Kontrolle, etwa indem sie jeden Mitarbeitenden, der sich krankmeldet, noch am selben Tag zu Hause anrufen. Volker hält das persönlich für überzogen. Der Anruf mag als Fürsorge gemeint sein, doch in der Wahrnehmung der Angerufenen wirkt er häufig eher nach einer stillen Überprüfung, ob die Krankmeldung berechtigt ist.

Volker stellt diese Logik grundsätzlich infrage: „Wo Druck ausgeübt wird, entsteht Gegendruck. Ich glaube nicht, dass das etwas bringt, diese Kontrolle an der kurzen Leine." Kontrolle unterstellt Misstrauen, und Misstrauen erzeugt selten das Verhalten, das sie eigentlich verhindern soll, wie sich bereits am Beispiel der Pandemie gezeigt hat.

Dem Kontrollreflex setzt er ein Menschenbild entgegen, das auf Vertrauen und Verantwortung setzt. Wer Mitarbeitenden Freiheiten lässt, kann nach seiner Erfahrung darauf vertrauen, dass sie das zu schätzen wissen und mit mehr statt weniger Verantwortungsgefühl reagieren. Das deckt sich mit dem bereits skizzierten internationalen Befund, dass mehr Freiheit bei der Krankschreibung tendenziell mit weniger Fehltagen einhergeht, nicht mit mehr.

Für Volker treffen sich Vertrauen und Sinn schließlich in einem gemeinsamen Wirkmechanismus. „Wenn die Arbeit Spaß macht, wenn sie sinnstiftend ist, dann arbeiten Leute gerne. Und dass man ihnen ein bisschen Selbstbestimmung lässt.", so Volker. Sinnstiftung und Selbstbestimmung wirken damit nicht als weiche Ergänzung zu harten Steuerungsinstrumenten, sondern als eigenständiger, empirisch stützbarer Hebel, der genau dort ansetzt, wo Kontrolle an ihre Grenzen stößt.

Wenn Gesundheit aufhört, ein HR-Thema zu sein

Die Führungskraft, die ihren Krankenstand von Ingolstadt zu einem anderen Autobauer mitnimmt, steht nicht für einen Einzelfall. Sie ist der sichtbarste Beleg für eine Verschiebung, die sich durch das gesamte Gespräch mit Volker zieht. Fehlzeiten entstehen nicht in erster Linie durch nachlässige Mitarbeitende oder unzureichende Kontrolle, sondern durch die Qualität von Führung, durch die Kriterien, nach denen sie ausgewählt wird, und durch die Systeme, in denen sie wirkt.

Ein weiteres Gesundheitsangebot löst das nicht. HR bleibt in diesem Bild unverzichtbar, verliert aber die Rolle des alleinigen Eigentümers. Seine Aufgabe verschiebt sich davon, Programme zu verwalten, hin dazu, dafür zu sorgen, dass Geschäftsleitung und Führungskräfte Verantwortung tatsächlich übernehmen, in der Auswahl neuer Führungskräfte ebenso wie in alltäglichen unternehmerischen Entscheidungen.

Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Es ist einfacher, ein neues Angebot einzuführen, als eine Geschäftsleitung dazu zu bringen, Gesundheit von Anfang an in unternehmerische Grundsatzentscheidungen mitzudenken, oder eine Führungskraft nach Empathie statt nach Fachwissen zu befördern. Solange diese tieferliegenden Entscheidungen unberührt bleiben, bleibt auch der Krankenstand, was er nach Volkers Beobachtung immer war, weniger eine Frage der Mitarbeitenden als eine Frage der Führung, die sie umgibt.

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Key Takeaways: Krankenstand als Führungssignal lesen

Krankenstand sagt weit weniger über einzelne Mitarbeitende aus als über die Qualität von Führung, die sie umgibt. Für HR-Führungskräfte verschiebt das die zentrale Frage von „Wie senken wir Fehlzeiten?" zu „Wie wählen und entwickeln wir Führung, die Gesundheit ermöglicht?". Die folgenden zehn Fragen greifen die wichtigsten Entscheidungen auf, die sich aus dieser Verschiebung ergeben.

1) Was bedeutet es konkret, wenn Krankenstand als Führungskennzahl statt als Mitarbeitendenkennzahl verstanden wird?

Es bedeutet, dass hoher Krankenstand primär als Symptom von Führungsqualität gelesen werden sollte, nicht als Beleg für mangelnde Arbeitsmoral. Eine Führungskraft, die in einem Team einen erhöhten Krankenstand erzeugt, trägt dieses Muster mit sich, unabhängig vom Arbeitgeber. Wenn Krankenstand personengebunden statt unternehmensgebunden ist, verschiebt sich die Steuerungslogik. Statt Programme für Mitarbeitende zu entwickeln, wird die Auswahl und Entwicklung von Führungskräften zum eigentlichen Hebel.

2) Über welchen Mechanismus überträgt sich Führungsverhalten tatsächlich auf Fehlzeiten im Team?

Der Mechanismus liegt in einer alltäglichen, emotionalen Entscheidung am Morgen. Mitarbeitende wägen ab, ob eine Unpässlichkeit ausreicht, um zu Hause zu bleiben, und diese Abwägung hängt stark davon ab, wie empathisch oder autoritär die eigene Führungskraft wahrgenommen wird. Führung, die Vertrauen und Zuwendung ausstrahlt, senkt die Wahrscheinlichkeit dieser Entscheidung gegen die Arbeit. Führung, die das nicht tut, erhöht sie systematisch, über Jahre und über Arbeitgeber hinweg.

3) Woran erkennen Unternehmen frühzeitig, dass ihr Krankenstand eher ein Führungssymptom als ein Motivationsproblem ist?

Ein klares Signal ist der Anteil der Langzeiterkrankungen. Wenn fast die Hälfte aller Fehltage auf Ausfälle über sechs Wochen entfällt, lässt sich das nicht mit gelegentlichem Blaumachen erklären. Ein zweites Signal liefert der Vergleich mit Ländern, die mehr Freiheit bei der Krankschreibung erlauben und trotzdem niedrigere Krankenstände aufweisen. Wenn strengere Kontrolle nicht mit niedrigeren Fehlzeiten korreliert, deutet das auf ein Führungs- statt auf ein Disziplinproblem hin.

4) Welche Führungsebenen und Funktionen sind von dieser Erkenntnis am stärksten betroffen?

Untere Führungskräfte tragen die unmittelbarste Verantwortung, weil sie in der täglichen Interaktion die Bettkanten-Entscheidung ihrer Teams beeinflussen. Geschäftsleitungen sind betroffen, weil sie Gesundheit aktiv in ihre Entscheidungen einbeziehen müssen, etwa wenn sie ein neues Gebäude planen, eine neue Software einführen oder Ziele für die Organisation festlegen. HR trägt die Verantwortung, diese Verteilung sichtbar zu machen und einzufordern, ohne selbst über direkten Durchgriff auf Führungsverhalten in der Linie zu verfügen.

5) Welches Risiko entsteht, wenn Unternehmen weiterhin auf Kontrolle statt auf Vertrauen setzen?

Kontrollmaßnahmen wie systematische Krankmeldungsanrufe erzeugen Gegendruck, statt Vertrauen aufzubauen. Wo Druck ausgeübt wird, reagieren Mitarbeitende nicht mit mehr Verantwortungsgefühl, sondern mit Rückzug. Das Risiko liegt darin, dass Unternehmen genau die Wirkung verstärken, die sie eigentlich verhindern wollen, und gleichzeitig ein Menschenbild kommunizieren, das die loyale Mehrheit der Belegschaft unterstellt, unter Generalverdacht zu stehen.

6) Was erwarten Mitarbeitende heute von Führung, wenn es um den Umgang mit Krankheit und Belastung geht?

Mitarbeitende reagieren nachweislich positiv auf Freiheit und Selbstbestimmung, nicht auf engmaschige Kontrolle. Länder mit großzügigeren Krankschreibungsregeln zeigen daher niedrigere Krankenstände. Das legt nahe, dass Vertrauen als Führungsprinzip stärker wirkt als Misstrauen als Kontrollprinzip. Erwartet wird zudem sinnstiftende Arbeit und Handlungsspielraum, zwei Faktoren, die direkt als gesundheitsfördernd benannt werden.

7) Wie verändert sich die operative Aufgabe von HR, wenn Gesundheit zum Führungsprinzip statt zum Benefit-Programm wird?

HR verschiebt sich von der Verwaltung einzelner Gesundheitsangebote hin zur Aufgabe, Gesundheit in Zielsysteme, Entscheidungsprozesse und Führungskräfteauswahl einzubetten. Das bedeutet konkret, Gesundheit in Zielvereinbarungen oder OKRs zu verankern und bei baulichen oder technologischen Entscheidungen als Kriterium einzubringen. Einzelmaßnahmen bleiben relevant, wirken aber nur, wenn sie in ein glaubwürdiges, von Führung getragenes System eingebettet sind.

8) Welche strategischen Optionen haben Unternehmen, um Führungskräfteauswahl stärker auf Gesundheitswirkung auszurichten?

Eine Option ist, soziale Kompetenz und Empathie explizit als Auswahlkriterium neben fachlicher Qualifikation zu etablieren, da Fachwissen eine Halbwertszeit von nur fünf Jahren hat, Führungsfähigkeit dagegen dauerhaft wirkt. Eine zweite Option ist, bestehenden Führungskräften einen Spiegel vorzuhalten, wie sie mit der eigenen Gesundheit umgehen, da dieses Verhalten sich im Umgang mit Mitarbeitenden wiederholt. Ein vollständiger Wandel der Führungsriege ist realistisch nur über zehn bis zwanzig Jahre erreichbar.

9) Welche Entscheidung müssen Führungskräfte treffen, wenn sie erkennen, dass sie selbst Teil des Problems sein könnten?

Die Entscheidung liegt darin, Selbstführung als Voraussetzung für Mitarbeitendenführung ernst zu nehmen. Wer mit der eigenen Gesundheit nachlässig umgeht, überträgt dieses Muster erfahrungsgemäß auf den Umgang mit dem Team. Das bedeutet, eigenes Verhalten aktiv zu reflektieren und sichtbar vorzuleben, etwa bei Bewegung oder Erholung, statt Gesundheit ausschließlich als Thema für die Belegschaft zu behandeln.

10) Welche Kennzahlen eignen sich besser als reiner Krankenstand, um echte Fortschritte sichtbar zu machen?

Krankenstand allein eignet sich schlecht, weil er stark von externen Faktoren wie Pandemien oder demografischem Wandel beeinflusst wird. Geeigneter sind weichere, aber ehrlichere Indikatoren wie die subjektive Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit auf einer Skala, beobachtet über die Zeit statt als Einzelwert. Ergänzend liefern Wiedereingliederungsquoten und Fluktuation ein realistischeres Bild der tatsächlichen Wirkung als eine einzelne Fehlzeitenstatistik.

Die eigentliche Verschiebung liegt nicht in neuen Maßnahmen, sondern in der Frage, wo Verantwortung tatsächlich verankert wird. Solange Krankenstand als isolierte Kennzahl behandelt wird, bleibt jede Reaktion darauf strukturell zu spät. Erst wenn Führungskräfteauswahl, Zielsysteme und Entscheidungsprozesse Gesundheit von vornherein mittragen, wird aus einer nachträglichen Reparatur ein vorausschauendes Führungsprinzip.

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