
Employer Branding ist eine strategische Entscheidung, die auf einer echten Unternehmenskultur basiert. Marcus Merheim zeigt, wie eine klare EVP und die Einbeziehung von Führungskräften echten Wandel und Wirkung erzielen.
Employer Branding klingt für viele immer noch nach vollgeklebten Busbahnhöfen, Hochglanz-Motiven und Slogans wie „Wir sind der beste Arbeitgeber der Stadt“. Vor allem dann, wenn der Druck steigt, Stellen endlich zu besetzen.
Marcus Merheim, Founder von hooman EMPLOYER MARKETING, beschreibt es anders. Sein Einstiegssatz ist klar: „Wir helfen Unternehmen dabei, ihre Identität als Arbeitgeber zu finden.“
Und genau das fehlt in vielen Organisationen. Sie investieren viel Geld in Kampagnen, aber übersehen das Wichtigste: Echte Attraktivität beginnt nicht auf Plakaten.
Im Gespräch mit Marcus wird deutlich: Wer Employer Branding wirklich strategisch angehen will, braucht den Mut, sich ehrlich mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen. Nicht oberflächlich. Nicht nebenbei. Sondern tief, strukturiert und wirksam.
Stell dir folgende Szene vor: Eine HR-Leiterin ruft an und sagt: „Herr Merheim, wir brauchen jetzt eine Kampagne.“
Genau das erlebt Marcus regelmäßig. Und seine Antwort ist ziemlich deutlich: Wer nur eine Kampagne will, ist bei einer Werbeagentur besser aufgehoben.
Der Grund dahinter ist simpel und für HR zentral:
Oder wie Marcus es formuliert: „Stark in die Kommunikation, in Plakat, in Website, usw. zu denken, ist im Grunde genommen die kommunikative Verlängerung von einer strategischen Grundlage namens Employer Branding.“
Was heißt das für dich als HR-Verantwortliche:r?
Marcus kommt ursprünglich aus dem Marketing. Und er überträgt dieses Denken konsequent auf HR.
Die Logik dahinter? Wenn du ein Produkt vermarkten willst, musst du wissen, was es kann. Wenn du als Arbeitgeber nicht beschreiben kannst, wer du bist und was Arbeiten bei dir ausmacht, wird es schwierig, Aufmerksamkeit zu erwecken.
Bei hooman arbeitet das Team deshalb mit einem klaren 4-Schritte-Modell, das sie seit 2021 immer wieder erfolgreich anwenden:
Denn Employer Branding ist kein Bauchgefühl und keine schöne Folie. Es ist strategische Positionierung, basierend auf echter kultureller Substanz.
EVP-Workshops im Elfenbeinturm gibt es viele. Die Ergebnisse klingen oft gut, aber bleiben abstrakt.
Marcus beschreibt, wie es bei hooman läuft:
Aus diesen Eindrücken entsteht nach und nach die sogenannte Employer Value Proposition (EVP). Sie sollte folgende drei Eigenschaften aufweisen:
Genau hier entsteht der Unterschied zwischen „Wir sind innovativ und dynamisch“ als Floskel und einer Positionierung, die zur Realität passt.
Viele Unternehmen behandeln ihre EVP wie ein Endprodukt: einmal entwickelt, groß gefeiert und dann verschwindet sie im Intranet.
Marcus beschreibt das Problem so: „Die zahlen dann zwar extrem viel für eine wahnsinnig klug klingende EVP, kriegen das Ganze aber nicht operationalisiert und in die Köpfe ihrer Mitarbeitenden rein.“
Die Folge? Kampagne läuft, Stellenanzeigen sehen gut aus, aber im Alltag ändert sich wenig.
Menschen erleben etwas anderes, als versprochen wurde und genau dann wird Employer Branding zur Falle: Frust, Kündigungen, schlechte Bewertungen.
Der Hebel liegt deshalb innen:
Employer Branding bleibt oft in der „weichen Ecke“, solange es nur als Image-Projekt wahrgenommen wird.
Dabei zahlt es laut Marcus nicht nur auf Recruiting ein: „Employer Branding ist nicht das neue Allheilmittel, um neue Mitarbeitende zu finden. Das ist nicht die neue Recruiting-Wunderwaffe, sondern zu mindestens 50 Prozent zahlt Employer Branding auch ganz massiv auf das Binden, auf das Halten von bestehenden Mitarbeitenden ein.“
Damit das im Unternehmen ernst genommen wird, braucht es klare Zahlen: vor und nach dem Projekt.
Damit das nicht im Gefühl hängen bleibt, startet hooman jedes Projekt mit einer Nullmessung.
Marcus beschreibt es so, dass sie ihre Kunden „zärtlich dahin pushen“, am Anfang eine Baseline zu setzen, um nach 3, 6 oder 12 Monaten zeigen zu können, dass Employer Branding doch mehr war als „nur ein schönes Plakat an der Wand“.
Bevor Marcus ein Projekt startet, klopft er etwas sehr Konkretes ab: „Wollen sie es einfach nur machen, weil es gerade jeder macht? Oder sind sie wirklich mutig und möchten auch Dinge verändern?“
Weitere Punkte, die er früh adressiert:
Spätestens hier wird klar: Employer Branding ist unbequem, wenn man es ernst meint.
Dazu gehört auch maximale Transparenz: „Wenn Unternehmen es wirklich ernst meinen mit dem Thema und das auch ernsthaft betreiben möchten, dann müssen sie auch die Hose runterlassen und uns wirklich alles sagen.“
Für HR heißt das: Ohne Commitment von der Geschäftsführung, inklusive der Bereitschaft, auch unangenehme Wahrheiten auszuhalten, bleibt Employer Branding nur Fassade.
Was sich durch das ganze Gespräch zieht: Employer Branding ist kein Add-on. Keine PR-Maßnahme. Kein reines Recruiting-Tool.
Es ist ein Hebel, um Organisationsentwicklung anzustoßen:
Wenn Unternehmen das Thema ernst nehmen, passiert genau das, was Marcus beschreibt: Employer Branding wird zu einem strategischen Entscheidungs- und Steuerungsinstrument und nicht zum Poster im Flur.
Wenn du Employer Branding ernst nimmst, dann…
Du machst sichtbar, was oft nur diffus gespürt wird: Kultur, Stärken, Brüche, blinde Flecken. Du übersetzt diese Realität in eine Positionierung, die Orientierung gibt, nach innen und außen.
Du hilfst der Organisation, mutige Entscheidungen zu treffen, statt weiter an Symptomen herumzudoktern.
Und ja: Du wirst unbequeme Wahrheiten hören.
Aber genau hier liegt die Chance, Employer Branding als das zu nutzen, was es sein kann: Ein strategisches Steuerungsinstrument für Finden und Binden, nicht die nächste bunte Kampagne.
_____________________________________________________________________
Hast du Anregungen zum Thema oder möchtest du selbst einmal gern zu Gast in unserem Podcast sein? Dann melde dich bei Johannes Füß, unserem Host der Level Up HR Community.