
Siebzig Prozent aller Transformationen scheitern. Stefan Homeister erklärt, was die anderen dreißig Prozent strukturell anders machen, und was HR dabei leisten muss.
Es ist selten ein dramatischer Moment. Meistens ist es einfach der Dienstag nach dem großen Summit. Die Konferenz ist vorbei, die Folien verschwunden, und die Führungskräfte sitzen wieder in denselben Meetings, treffen dieselben Entscheidungen, und verhalten sich so, als wäre nichts gewesen. Nicht aus bösem Willen, sondern weil nichts in ihrer Umgebung ihnen sagt, dass jetzt irgendetwas anders sein soll.
Stefan Homeister, Gründer und CEO der Stefan Homeister Leadership GmbH, hat dieses Muster in drei Jahrzehnten Führungserfahrung beobachtet. Bei Procter & Gamble, bei SABMiller, bei T-Mobile, und später als Berater von Organisationen, die Transformation wollten und solchen, die glaubten, sie bereits zu betreiben. Seine Diagnose ist präzise und unbequem. Denn Transformation scheitert nicht daran, dass zu wenig kommuniziert wird. Sie scheitert daran, dass Reden mit Verändern verwechselt wird.
McKinsey und Boston Consulting Group kommen seit Jahren zu denselben Zahlen: Siebzig Prozent aller Transformationen scheitern. Was die dreißig Prozent, die gelingen, anders machen, hat wenig mit der Qualität ihrer Kommunikation zu tun und viel mit der Frage, ob hinter der Absicht ein System steht, das Verhalten tatsächlich verändert.
Die Antwort auf diese Frage, so Stefans Argument, liegt nicht in besseren Botschaften. Sie liegt in Führungssystemen.
Die große Veranstaltung selbst läuft fast immer gut. Das Topmanagement erklärt, warum Veränderung notwendig ist, die Argumente sind stichhaltig, und in manchem Raum entsteht sogar echte Aufbruchsstimmung. Diese hält jedoch oft nicht lang an, so Stefan: „Es wird viel geredet, es werden viele Workshops gemacht, es werden auch Trainings angeboten, aber danach ändert sich das Verhalten nicht."
Das ist keine Kritik an einzelnen Führungskräften, sondern eine strukturelle Beobachtung. Kommunikation kann Richtung geben, Kontext schaffen, Menschen informieren. Was sie nicht kann, ist Verhalten verändern. Und Verhalten ist das, woran Transformation in Wirklichkeit gemessen wird, nicht an der Qualität der Botschaft, sondern daran, was Führungskräfte am nächsten Morgen anders tun als am Morgen davor.
Was Stefan in dieser Lücke zwischen Ankündigung und Alltag erkennt, hat mit einem grundlegenden Missverständnis darüber zu tun, was Führung eigentlich ist. In vielen Organisationen wird sie als Persönlichkeitsmerkmal behandelt. Als etwas, das sich in Charisma, Präsenz oder Durchsetzungsvermögen zeigt, und das man entweder hat oder nicht hat. Stefan widerspricht dem direkt.
„Was mir über die Jahre immer mehr aufgefallen ist, ist, wie sich Führungsverhalten verändert, wenn ein starkes, praktisches, einfaches Führungssystem da ist versus wenn es fehlt."
Das Gegenbild hat er früh erlebt. Als junger Praktikant bei Procter & Gamble, einem Unternehmen, das heute 189 Jahre alt ist und durch mehrere ernsthafte Krisen gegangen ist, fiel ihm nach nur wenigen Minuten auf, dass die Firma anders tickte. Feedback war keine Ausnahme, sondern Erwartung. Hierarchie war kein Schutzwall gegen unbequeme Rückmeldungen, sondern eine Arbeitsbeziehung, in der Entwicklung in beide Richtungen funktionierte. „Da gibt es offensichtlich ein System", erinnert er sich. „Ein System, das gutes Führen institutionalisiert."
Für HR-Führungskräfte liegt darin eine unbequeme Implikation. Wenn Führung kein Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern ein System, dann ist die Frage, wer dieses System baut, wer es pflegt und wer eingreift, wenn es fehlt, keine nachgelagerte Frage. Sie ist die eigentliche HR-Frage in jeder Transformation. Und sie wird in den meisten Organisationen zu spät gestellt.
Bevor ein Führungssystem überhaupt greifen kann, muss eine andere Frage geklärt sein. Eine, die viele Organisationen nie wirklich stellen. Wer kann überhaupt führen? Stefan begegnet dieser Frage mit einer Direktheit, die zunächst überrascht. Es gehe nicht um Charisma, nicht um die Fähigkeit, einen Raum zu betreten und sofort Aufmerksamkeit zu erzeugen.
„Eine der großen Verwechslungen, die ich beobachte, ist zwischen Führungsstil und Führungsfähigkeit.", so Stefan.
Diese Verwechslung hat Folgen, die weit über einzelne Personalentscheidungen hinausgehen. Organisationen, die Führung mit Auftreten gleichsetzen, befördern Menschen, die gut präsentieren, aber nicht zwangsläufig gut entwickeln. Sie verwechseln den ersten Eindruck mit der nachhaltigen Wirkung und übersehen dabei das eigentliche Kriterium. Nicht der Moment, in dem jemand den Raum betritt, entscheidet, sondern das, was bleibt, nachdem er ihn verlassen hat.
Was Stefan dieser Verwechslung entgegensetzt, ist eine klare Voraussetzung. Führung ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine entwickelbare Fähigkeit. Fü ihn steht fest: „Führungskräfte werden nicht geboren, sondern gemacht und machen sich selbst."
Wer führen will, muss bereit sein, lebenslang zu lernen. Das ist eine Haltung, die Stefan auch nach Jahrzehnten eigener Erfahrung für sich selbst als nicht abgeschlossen beschreibt. Die zweite Voraussetzung ist einfacher formuliert, aber ebenso entscheidend. Wer führt, muss Menschen mögen. Wer Menschen als Mittel zum Zweck betrachtet, kann taktisch erfolgreich sein, aber nicht im Sinne dessen, was Stefan unter wirksamer Führung versteht.
Diese beiden Voraussetzungen, Lernbereitschaft und echtes Interesse an Menschen, lassen sich nicht in einem Bewerbungsgespräch zuverlässig feststellen, aber sie lassen sich beobachten, entwickeln und in einem Führungssystem gezielt fördern. Genau hier liegt die Brücke zur Systemfrage. Wenn Führung lernbar ist, dann ist die Aufgabe einer Organisation nicht, die richtigen Persönlichkeiten zu finden, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sich Führungsfähigkeit entwickeln kann, unabhängig davon, ob jemand von Natur aus präsent wirkt oder nicht.
Auch der eigene Führungsstil, sagt Stefan, ist weniger fix, als viele annehmen. Auf die Frage, welchen Führungsstil er habe, antwortet er nicht mit einer Selbstbeschreibung, sondern mit einem Prinzip: „Gutes Führen ist nämlich nicht so zu führen, wie wir selber gerne führen. Gutes Führen ist so zu führen, wie der andere das braucht." Jeder Mensch habe einen präferierten Stil, der ihm am leichtesten falle. Wirksame Führung verlangt aber die bewusste Anpassung an die jeweilige Person. Für Stefan ist das eine Fähigkeit, die ebenfalls trainiert werden muss, und die in einem Führungssystem, das nur auf Persönlichkeit statt auf Entwicklung setzt, selten gezielt gefördert wird.
Für HR-Führungskräfte liegt in dieser Unterscheidung eine konkrete Konsequenz für Auswahl- und Entwicklungsprozesse. Wer Führungspotenzial an Auftreten und Präsenz misst, optimiert für das falsche Kriterium. Die relevantere Frage ist, ob jemand bereit ist, sich kontinuierlich zu hinterfragen, anzupassen und weiterzuentwickeln und ob das Führungssystem der Organisation diese Entwicklung tatsächlich unterstützt, anstatt sie dem Zufall zu überlassen.
Wenn Stefan beschreibt, was ein funktionierendes Transformationssystem ausmacht, wird schnell klar, warum so viele Organisationen scheitern. Es sind nicht fehlende Ressourcen, nicht mangelndes Engagement, und auch nicht eine falsch gewählte Strategie. Es ist das Fehlen von vier Elementen, die zusammenwirken müssen, damit Verhalten sich tatsächlich verändert: „Du brauchst einen Sinn. Du brauchst ein Vorbild. Du brauchst Entwicklungshilfe für die Veränderung. Und du brauchst Nachhaltigkeit durch Messen und Belohnen."
Jedes dieser Elemente trägt eine eigene Last. Sinn erklärt, warum Veränderung notwendig ist, als ehrliche Antwort auf eine Frage, die Mitarbeitende sich ohnehin stellen. Vorbild bedeutet, dass Führungskräfte, die Veränderung fordern, sie selbst in ihren Entscheidungen, in ihren Reaktionen, und in dem, was sie tolerieren und was nicht sichtbar leben. Entwicklungshilfe gibt Menschen die Mittel, sich tatsächlich zu verändern, anstatt sie mit einer Erwartung allein zu lassen, die sie nicht erfüllen können. Und Messen und Belohnen sorgt dafür, dass neues Verhalten nicht nur gefordert, sondern auch wahrgenommen, bewertet und konsequent honoriert wird.
Fehlt eines dieser vier Elemente, verliert das System seine Wirkung. Fehlen mehrere, entsteht das, was in vielen Organisationen als Transformationsmüdigkeit beschrieben wird: eine wachsende Skepsis gegenüber jedem neuen Programm, weil die vorangegangenen nie wirklich ankamen.
Was Stefan in seiner Beratungspraxis immer wieder beobachtet, ist der besonders folgenreiche Fehler, bei dem das oberste Führungsteam Transformation als Aufgabe der Organisation betrachtet und sich selbst davon ausnimmt. Er erinnert sich an einen Moment zu Beginn seiner Selbstständigkeit, der ihm das schlagartig klar gemacht hat. Kurz vor einer Führungstagung, die sein Team für einen Kunden vorbereitet hatte, erhielt er einen Anruf aus der HR-Abteilung. Die Geschäftsführung plane, beim Auftakt nur das Grußwort zu sprechen und sich danach ins benachbarte Café zurückzuziehen.
„Mir wurde nämlich schlagartig klar, das wird heftig", sagt Stefan. „Die Leute oben glauben, sie müssten nur auf die Leute, die Führungskräfte in der Mitte und unten zeigen. Die mögen sich bitte verändern. Ja, dann kann es natürlich nicht funktionieren."
Es ist ein extremes Beispiel, aber es macht sichtbar, was in subtilerer Form in vielen Transformationen passiert. Wenn die oberste Führung Veränderung delegiert, anstatt sie vorzuleben, fehlt dem System sein wichtigstes Element. Was dann oft folgt, ist eine Organisation, die Transformation simuliert, mit allen richtigen Formaten, aber ohne das Verhalten, das ihnen Glaubwürdigkeit geben würde.
Für HR-Führungskräfte verschiebt sich damit die eigentliche Frage. Nicht ob die vier Bausteine bekannt sind, denn das sind sie meistens. Sondern ob jemand in der Organisation die Verantwortung übernimmt zu prüfen, ob sie auch wirklich vorhanden sind. Und ob jemand den Mut aufbringt, das laut zu sagen, wenn eines fehlt.
Es gibt einen Moment in Führungskonferenzen, den Stefan als besonders aufschlussreich beschreibt. Nicht die Keynote, nicht die Breakout-Sessions, sondern der Moment, in dem das Topmanagement eine Position vorgestellt hat und die Reaktion ausbleibt. Und das, obwohl die meisten etwas zu sagen hätten.
„Wenn du das irgendwo um dich herum beobachtest und wahrnimmst, dass Leute zögern zu sagen, was sie denken — dann brennt der Baum."
Für Stefan ist dieses Schweigen kein Zeichen von Desinteresse. Es ist ein Systemsignal und eines der zuverlässigsten, die eine Organisation senden kann. Es zeigt, dass das Führungssystem an einer entscheidenden Stelle unvollständig ist. Dort, wo Rückkopplung entstehen müsste, damit Führungskräfte überhaupt wahrnehmen können, was ihre Entscheidungen auslösen. Wer das nicht wahrnimmt, führt an seiner Organisation vorbei, auch wenn die Kommunikation professionell und die Formate gut gewählt sind.
Was Stefan dem entgegensetzt, hat er bei SABMiller gelernt, dem südafrikanischen Unternehmen, in dem er als Vorstandsmitglied für 22 Länder und 12.000 Menschen verantwortlich war. Er nennt es Führen mit den Ohren und Führen mit den Augen, im Gegensatz zu dem, was er als das Megafon-Modell beschreibt: „Wenn deine Konferenz nur aus Senden besteht, dann kannst du die Konferenz eigentlich gleich absagen. Dann kannst du ein Video machen."
Der Gedanke klingt provokativ, ist aber strukturell präzise. Eine Führungskonferenz, in der das Topmanagement spricht und die Organisation zuhört, ist keine Veranstaltung für Transformation. Sie ist eine reine Informationsveranstaltung. Transformation beginnt erst dann, wenn echte Rückmeldung möglich wird, in dem Führungskräfte nicht nur senden, sondern wahrnehmen, was ihre Botschaften tatsächlich auslösen. Das setzt voraus, dass der Rahmen dafür bewusst geschaffen wird, durch Formate, die Dialog ermöglichen, und durch eine Führungskultur, in der Offenheit keine Karrierekonsequenzen hat.
Stefan geht dabei noch einen Schritt weiter. Er beschreibt, wie Führungsverhalten im Alltag weit unterhalb der großen Transformationsformate beginnt. In der Delegation eines Projekts, in dem Moment, in dem eine Führungskraft wahrnimmt, ob jemand begeistert oder zögernd reagiert, ob Körpersprache und Worte übereinstimmen oder auseinanderfallen.
Stefan fasst es wie folgt zusammen: „Bitte nicht nur hören, was sie sagen, sondern spüren, was sie meinen. Mit allen euren Sinnen." Diese Wahrnehmungsfähigkeit ist keine Frage des Charakters. Sie ist eine Fähigkeit, die entwickelt werden kann und in einem funktionierenden Führungssystem auch entwickelt werden muss.
Für HR-Führungskräfte bedeutet das eine konkrete Verschiebung in der Diagnosearbeit. Die Frage ist nicht, ob Transformationsprogramme gut gestaltet sind. Die entscheidendere Frage ist, ob die Führungskräfte, die diese Programme umsetzen sollen, überhaupt in der Lage sind, die Signale ihrer Organisation zu lesen und ob das Führungssystem ihnen dafür den notwendigen Raum gibt. Wo dieser Raum fehlt, scheitert Transformation nicht an der Strategie, sondern an der Wahrnehmung.
Doch selbst dort, wo Dialog funktioniert und Führungskräfte die Signale ihrer Organisation lesen können, bleibt eine schwierigere Frage offen. Selbst wenn ein Führungssystem gut gebaut ist, wenn Sinn erklärt wird, Vorbilder sichtbar sind, Entwicklung angeboten wird und Konsequenzen folgen, bleibt eine Frage offen.
Was passiert mit den Führungskräften, die sich trotzdem nicht verändern? Nicht weil sie böswillig sind, sondern weil etwas in ihnen dem Wandel im Weg steht, das weder durch Programme noch durch gut gemeinte Appelle erreicht wird.
Stefan hat in seiner Arbeit drei Barrieren identifiziert, die Führungsveränderung blockieren. Die erste sind blinde Flecken. Menschen sehen entweder nicht, welche Vorteile eine Veränderung ihres Verhaltens bringen würde, oder sie sehen nicht, welche Nachteile das Festhalten am alten Verhalten erzeugt. Sie führen so, wie sie immer geführt haben, weil ihnen niemand je einen überzeugenden Spiegel vorgehalten hat.
Die zweite Barriere ist Angst. Stefan beschreibt sie am Beispiel einer Führungskraft, die 25 Jahre lang auf eine bestimmte Weise geführt hat und nun mit einem neuen Führungsleitbild konfrontiert wird. Was diese Person verlangen würde, ist nicht nur das Erlernen neuer Verhaltensweisen. Es ist auch das Aufgeben vertrauter Muster, ohne zu wissen, ob die neuen funktionieren.
Stefan beschreibt, was vielen Führungskräften in diesem Moment durch den Kopf geht: „Ich muss ja das, was ich bisher gemacht habe, aufhören und ich muss was Neues annehmen, von dem ich nicht weiß, ob das funktioniert, von dem ich nicht weiß, wie das funktioniert. Und das macht mir Angst." Diese Angst äußert sich selten direkt. Sie zeigt sich in Widerstand, in Alibi-Zustimmung, in einer Führungskultur, die Veränderung offiziell bejaht und im Alltag still untergräbt.
Die dritte Barriere ist Bequemlichkeit, und sie ist vielleicht die ehrlichste von allen. Veränderung kostet Energie. Was sich bewährt hat, wird beibehalten, selbst wenn es nicht optimal ist, denn das Neue hat noch nicht bewiesen, dass es besser ist. In Kombination mit blinden Flecken und Angst entsteht daraus eine Konstellation, die durch keine Kommunikationsmaßnahme aufgebrochen wird.
Was aus diesen drei Barrieren folgt, ist eine präzise Konsequenz für jeden, der Führungsveränderung begleitet. Wer einer Führungskraft sagt, sie solle transparenter führen oder mehr zuhören, erzeugt bestenfalls kurzfristige Anpassung und meistens gar nichts. Stefan weiß: „Ich ändere Menschen nur, wenn ich Fragen stelle, die entweder ins Thema zielen oder in ihre Trigger zielen und treffen." Der Unterschied liegt darin, dass eine gute Frage Bewusstsein von innen heraus erzeugt, während eine Anweisung meist nur Widerstand provoziert, der sich gegen die Veränderung selbst richtet.
Was Stefan damit beschreibt, ist ein Handwerk. Gute Fragen entstehen nicht im Moment, sondern in der Vorbereitung, durch die Auseinandersetzung damit, warum jemand so handelt, wie er handelt, was seine persönlichen Motive sind, und wo genau zwischen seinem Verhalten und seinen eigenen Zielen eine Lücke liegt. Diese Lücke sichtbar zu machen, ohne zu belehren, ist die Fähigkeit, die in Transformationsprozessen den Unterschied macht. Und es ist eine Fähigkeit, die HR-Führungskräfte gezielt entwickeln können, wenn sie bereit sind, die eigene Rolle entsprechend zu verstehen.
Es gibt ein Gespräch, das Stefan zum Zeitpunkt dieses Interviews noch vor sich hat. Er bereitet es seit Tagen vor und wird es noch mehrmals durchspielen, bevor er es führt. Sein Gesprächspartner ist ein CEO, den er schätzt. Ein Mann, der mit seinen Unternehmen erfolgreich ist, der gute Werte hat und der trotzdem an einem Punkt steht, an dem sein eigenes Verhalten die nächste Entwicklungsstufe blockiert.
Was Stefan in diesem Gespräch ansprechen will, ist die Überzeugung des CEO, dass Menschlichkeit Schwäche bedeutet. Dass Verletzlichkeit, echtes Zuhören und das Eingestehen von Unsicherheit den Respekt kosten, den er sich über Jahre erarbeitet hat. Stefan sieht das genau umgekehrt: „Menschlichkeit und Leistung stehen nicht nur in keinem Widerspruch, sondern sie multiplizieren sich gegenseitig." Aber diesen Satz kann er dem CEO nicht einfach sagen. Er muss ihn erleben lassen.
Die eigentliche Arbeit liegt für Stefan nicht im Gespräch selbst, sondern in dem, was vorher passiert: die Auseinandersetzung damit, welche persönlichen Erfahrungen hinter der Überzeugung des CEO stecken, und an welchem Punkt zwischen seinem Verhalten und seinen eigenen Zielen eine Lücke liegt, die er selbst noch nicht gesehen hat.
Was diesen Moment für HR-Führungskräfte besonders relevant macht, ist nicht die Methode. Es ist die Situation selbst. Stefan ist externer Berater. Er kann dieses Gespräch führen, weil sein Mandat es erlaubt. Aber dieselbe Konstellation entsteht in Organisationen täglich, wenn HR-Führungskräfte sehen, dass das Verhalten eines Vorstandsmitglieds oder eines CEO die Transformation blockiert und sich fragen, ob sie das ansprechen können, ohne politisch exponiert zu sein.
In diesem Moment, sagt Stefan, gibt es genau zwei Möglichkeiten. Schweigen oder das wahre Gespräch suchen. Was er damit meint: „Nicht einfach nur Problembericht erstatten, sondern aktiv Feedback geben. Auf diese Person zugehen. Gerade wenn es ein Geschäftsführungsmitglied ist, ein Vorstandsmitglied ist, gerade wenn es der CEO ist." Was dieses Gespräch von einem riskanten Konfrontationsgespräch unterscheidet, ist die Vorbereitung dahinter und die Klarheit darüber, dass es nicht um Kritik geht, sondern darum, jemandem zu helfen, das zu sehen, was er selbst noch nicht sieht.
Wenn Stefan die Rolle von HR in Transformationsprozessen beschreibt, stehen weder Kompetenzen noch Prozesse im Zentrum. Er startet mit einer Beobachtung, die unbequemer ist als jede Kompetenzlücke. Viele HR-Führungskräfte, die er kennt, sind fachlich stark. Sie beherrschen ihr Handwerk, sie kennen die Instrumente, sie verstehen, was Transformation theoretisch erfordert. Und trotzdem verharren sie in Momenten, in denen ihre Wirkung am größten sein könnte, in der Beobachterrolle.
Das Muster ist vertraut. Eine HR-Führungskraft sieht, dass ein C-Level-Mitglied etwas tut, was gut gemeint ist, aber nicht gut wirkt. Sie sieht, dass eines der vier Elemente des Transformationssystems fehlt, dass kein Vorbild sichtbar ist, dass Verhalten nicht gemessen wird, dass Entwicklung nur auf dem Papier stattfindet. Sie sieht es, benennt es intern, und wartet. Oder schlimmer, sie spricht auf dem Flur darüber, anstatt das Gespräch zu suchen. In diesem Moment, sagt Stefan, ist die Wirkungsmöglichkeit bereits vergeben.
Was er stattdessen fordert, ist strukturell einfach und in der Praxis alles andere als das: „Immer wenn von diesen vier Rädern eins oder mehrere fehlen, musst du den Mut haben, aufzustehen und zu sagen: Hey, lieber CEO, hier fehlt ein Rad am Bus. Wir müssen das System bauen und wir müssen das System auch richtig leben." Das Bild ist präzise gewählt. Eine Transformation, die auf einem unvollständigen System läuft, bewegt sich, aber nicht so, wie sie sollte. Und irgendwann kommt sie zum Stillstand, ohne dass irgendjemand benennen kann, wann das genau passiert ist.
HR-Führungskräfte, die direkt mit den Führungskräften arbeiten, die die größte Personalverantwortung tragen, haben nach Stefans Einschätzung die größten Hebel in der Hand. Nicht weil ihre Hierarchieposition das erlaubt, sondern weil sie systemische Muster sehen, die einzelne Führungskräfte nicht sehen können und weil sie in einer Position sind, Veränderung anzustoßen, bevor sie als Krise sichtbar wird. Diese Position ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss aktiv eingenommen werden.
Was dabei oft unterschätzt wird, ist der Unterschied zwischen dieser Rolle und der klassischen HR-Business-Partner-Funktion. Es geht nicht um Zuständigkeit oder Berichtslinien. Es geht darum, wer in einer Organisation bereit ist, die Frage zu stellen, die niemand sonst stellt und wer das System dafür baut, dass solche Gespräche nicht als Ausnahme gelten, sondern als Teil dessen, wie Führung in dieser Organisation funktioniert.
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Am Ende läuft es auf eine Frage hinaus, die einfacher klingt als sie ist. Nicht, ob eine Organisation Transformation will, denn das wollen fast alle. Auch nicht, ob sie die richtigen Formate wählt oder die richtigen Worte findet. Vielmehr geht es darum, ob hinter der Absicht ein System steht, das Verhalten tatsächlich verändert. Und ob jemand in der Organisation die Verantwortung übernimmt, diese Frage laut auszusprechen, selbst wenn die Antwort unbequem ist.
Was Stefan in drei Jahrzehnten Führungserfahrung beobachtet hat, ist kein Versagen des Willens. Es ist ein Versagen der Architektur. Organisationen, die Transformation ernsthaft betreiben, bauen Systeme, in denen Sinn, Vorbild, Entwicklung und Konsequenz zusammenwirken und in denen diese Systeme nicht nur für die mittlere Führungsebene gelten, sondern für jeden, der Führungsverantwortung trägt. Einschließlich der Führungsspitze.
Das ist der Punkt, an dem Transformation am häufigsten still scheitert. In dem Moment, in dem das System, das Verhalten verändern sollte, von genau denen nicht gelebt wird, die es eingefordert haben. Diese Lücke ist selten dramatisch. Sie entsteht leise — in Konferenzen, die nur aus Senden bestehen, in Feedbackgesprächen, die nie stattfinden, in Personalentscheidungen, die das falsche Verhalten stillschweigend honorieren.
Ob HR diese Lücke schließen kann, hängt weniger von Ressourcen oder Mandaten ab als von einer einzigen Bereitschaft: der Bereitschaft, das zu sagen, was alle sehen und niemand ausspricht und dafür ein Gespräch so gut vorzubereiten, dass es nicht als Konfrontation ankommt, sondern als Hilfe, die niemand sonst anbietet.
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Siebzig Prozent aller Transformationen scheitern, und der Unterschied zu den dreißig Prozent, die gelingen, liegt selten an der Kommunikation. Daraus ergeben sich für Führungskräfte und HR-Verantwortliche eine Reihe konkreter Fragen, die über die reine Diagnose hinausgehen. Die folgenden zehn Fragen beantworten die wichtigsten davon, mit klarem Blick auf das, was im Führungsalltag tatsächlich zu tun ist.
Es bedeutet, dass die übliche Annahme, mehr und bessere Kommunikation löst Veränderung aus, strukturell falsch ist. Transformation scheitert, wenn Sinn, Vorbild, Entwicklungshilfe sowie Messen und Belohnen nicht als zusammenwirkendes System existieren. Wenn auch nur eines dieser vier Elemente fehlt, bleibt Verhaltensänderung aus, unabhängig davon, wie gut die Botschaft formuliert war. Führungskräfte sollten Transformation daher nicht als Kommunikationsprojekt, sondern als Systembauaufgabe behandeln.
Verhaltensänderung entsteht nicht durch ein einzelnes Element, sondern durch die Wechselwirkung zwischen ihnen. Sinn ohne Vorbild bleibt Theorie, weil Mitarbeitende sehen, dass Führungskräfte selbst nicht tun, was sie fordern. Vorbild ohne Entwicklungshilfe überfordert, weil Menschen wissen, was erwartet wird, aber nicht, wie sie dorthin kommen. Und selbst wenn beides gelingt, verpufft die Wirkung, wenn neues Verhalten am Ende nicht gemessen und in Entscheidungen berücksichtigt wird. Die vier Elemente tragen sich gegenseitig, kein einzelnes davon ersetzt die anderen.
Ein verlässliches Frühwarnsignal ist einseitige Kommunikation. Wenn Führungskonferenzen nur aus Senden bestehen und kein Raum für echte Rückmeldung existiert, fehlt dem System die notwendige Rückkopplung. Ein zweites Signal ist Schweigen, also wenn Mitarbeitende zögern, ihre Meinung zu äußern, obwohl sie dazu eingeladen wurden. Wer dieses Zögern in seiner Organisation beobachtet, sollte es als Alarmsignal behandeln, nicht als vorübergehende Zurückhaltung.
Die oberste Führungsebene trägt die größte Verantwortung, weil Transformation dort am häufigsten scheitert, wo Vorstände und Geschäftsführungen sich selbst aus der Veränderung ausnehmen. Wenn Topmanagement nur auf das Verhalten der mittleren und unteren Führungsebenen verweist, ohne das eigene Verhalten einzubeziehen, fehlt dem System sein wichtigstes Element. HR-Führungskräfte sind ebenfalls stark gefordert, da sie die Lücken im System sichtbar machen müssen, auch wenn diese bei der Führungsspitze liegen.
Die Transformation verliert ihre Glaubwürdigkeit, sobald sichtbar wird, dass die oberste Führung selbst keine Verhaltensänderung zeigt. Mitarbeitende und mittlere Führungskräfte registrieren diese Asymmetrie schnell und reagieren mit Rückzug oder Zynismus gegenüber dem gesamten Programm. Wenn Vorbildverhalten an der Spitze fehlt, lässt sich dieser Vertrauensverlust durch keine zusätzliche Kommunikationsmaßnahme kompensieren. CHROs sollten dieses Muster frühzeitig adressieren, bevor es sich in der gesamten Organisation festsetzt.
Mitarbeitende erwarten, dass ihre Rückmeldungen nicht nur eingeholt, sondern tatsächlich gehört und in Entscheidungen einbezogen werden. Ein Dialogformat, das nur in eine Richtung funktioniert, erfüllt diese Erwartung nicht, selbst wenn es formal als Austausch deklariert wird. Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Signale wahrgenommen und ernst genommen werden, steigt die Bereitschaft, sich auf Veränderung einzulassen. Führungskräfte sollten daher gezielt prüfen, ob ihre Kommunikationsformate echten Austausch ermöglichen oder nur simulieren.
HR verschiebt sich von der begleitenden in eine aktiv systemverantwortliche Rolle. Statt Transformationsprogramme zu koordinieren oder Kommunikationsmaßnahmen zu planen, muss HR prüfen, ob alle vier Systemelemente vorhanden sind, und eingreifen, wenn eines fehlt. Das schließt ausdrücklich auch das Verhalten der obersten Führungsebene ein. Für CHROs bedeutet das, Mandat und Mut aufzubauen, um auch gegenüber dem CEO klar zu benennen, wo das System lückenhaft ist.
Belehrung und direkte Anweisung erzeugen in der Regel keine nachhaltige Veränderung. Wirksamer sind gezielte, gut vorbereitete Fragen, die blinde Flecken sichtbar machen und an persönliche Motive anknüpfen, ohne zu konfrontieren. Wenn eine Führungskraft aus Angst oder Bequemlichkeit am alten Verhalten festhält, sollte die Intervention auf Bewusstmachung zielen statt auf Anweisung. Diese Vorbereitung erfordert Zeit, zahlt sich aber in der Qualität der Verhaltensänderung aus.
Immer dann, wenn beobachtbares Verhalten einer Führungskraft oder eines Vorstandsmitglieds die Transformation sichtbar blockiert. Wer stattdessen schweigt oder die Kritik nur informell äußert, verzichtet auf die eigentliche Wirkungsmöglichkeit. Das Gespräch sollte gut vorbereitet sein und auf Fragen statt auf Vorwürfen basieren, damit es als Unterstützung und nicht als Angriff ankommt. Gerade bei Geschäftsführungsmitgliedern oder dem CEO ist dieser Schritt unbequem, aber laut der zugrunde liegenden Analyse entscheidend für den Erfolg der Transformation.
Das zentrale Messkriterium ist Verhaltensänderung im Alltag, nicht die Teilnahme an Workshops oder die Reichweite von Kommunikationskampagnen. Ein wirksames System macht sich daran bemessen, ob neues Verhalten sichtbar wahrgenommen, in Feedbackprozessen adressiert und in Personalentscheidungen konsequent berücksichtigt wird. Wenn Führungsverhalten keine Konsequenzen hat, fehlt dem System die Komponente Messen und Belohnen. Führungskräfte sollten daher prüfen, ob ihre Bewertungs- und Beförderungsprozesse tatsächlich mit den geforderten Verhaltensänderungen verknüpft sind.
Die eigentliche Verschiebung liegt nicht in der Frage, ob eine Organisation Transformation will, sondern ob sie bereit ist, ihr eigenes Führungssystem so offen zu prüfen, wie sie es von ihren Mitarbeitenden erwartet. Wo diese Prüfung fehlt, bleibt jede Ankündigung folgenlos, unabhängig davon, wie überzeugend sie formuliert war.
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